von Christoph Brandhurst & Bianca KrauseVerlag Schwarzkopf & SchwarzkopfHomepage von Christoph Brandhurst:www.christoph-brandhurst.de
von Christoph BrandhurstVerlag Schwarzkopf & SchwarzkopfExtrem! und Extrem!2 sind bei Amazon leider nicht mehr erhältlich, vielleicht einfach an den Verlag schreiben ... oder den Autor kontaktieren: www.christoph-brandhurst.de
von Kathrin Passig & Ira StrübelVerlag RowohltHandbuch für Sadomasochisten und solche, die es werden wollen ...
von Matthias T.J.GrimmeCharon Verlag
Matthias T.J.GrimmeCharon Verlag
Literatur
Autoren
Selbst heute noch scheinen Orgasmusprobleme von Frauen endemisch zu sein. Falls entsprechende Umfragen, Statistiken und Auskünfte von Sexualwissenschaftlern nicht trügen oder auf medial verstärkter selektiver Wahrnehmung bzw. Legendenbildung beruhen, stellt sich die grundsätzliche Frage, warum "der kleine Tod" für Frauen bedrohlicher sein soll als für Männer. Liegt es an einer anderen Biologie, also an körperlichen bzw. genetischen oder physiologischen Faktoren? Haben Frauen daher aus natürlichen Gründen weniger Lust auf Sex? Oder führt die weibliche Biologie "nur" zu einer gegenüber der des Mannes verzögerten Erregungskurve? Kommen Männer also "zu früh"? Wirken archaische Ängste von Tausenden von Generationen nach bezüglich der existentiellen Risiken von Schwangerschaften? Sind Frauen generell ängstlicher und haben dadurch mehr Probleme mit dem lustvollen Kontrollverlust? Geben sie dem Sex allgemein und dem Orgasmus speziell eine zu geringe Bedeutung oder Aufmerksamkeit, reden sie zuwenig darüber, sind sie weniger in ihrem Körper verwurzelt? Ist Jahrtausende alte männliche Unterdrückung Schuld? Sind Männer zu unsensibel oder ungeschickt? Liegt es an den Folgen traditionell religiöser Prägung, weiblicher Sozialisation und weiblicher Rollenmodelle oder ähnlichen soziokulturellen Faktoren?? Oder ist es die Folge von übermässigem Konsum von Liebesromanen und kitschig-romantischer Vorabendserien, die den sexuellen Akt ätherisch verklären - Saxofon-Musik! - und damit völlig entkörperlichen???...Fragen über Fragen, die an dieser Stelle offen bleiben müssen, es darf aber vermutet werden, daß eine komplizierte Mischung aus biologischen, kulturellen und individualpsychologischen Ursachen vorliegt. Sicher ist aber, daß die in diesem Band aus dem Taschen-Verlag abgebildeten Frauen genau wissen, wie sich ein Orgasmus anfühlt, denn Fotograph Will Santillo hat sie alle just in jenem Moment abgelichtet, als sie ihren durch Masturbation ausgelösten Höhepunkt erreichten! "Wenn der Orgasmus der kleine Tod ist, ist dann Masturbation der kleine Selbstmord?" lautet dazu die geistreiche Eingangsfrage auf der Verlagshomepage, die indirekt auch eine gängige sexualtherapeutische Einstiegsstrategie bei weiblicher Anorgasmie - nämlich die systematische Erforschung der eigenen Körperreaktionen, das Hineinsteigern in erotische Phantasien und die gezielte Einübung der Selbstbefriedigung - mit einem überraschenden Zusatzakzent versieht.Der Bildband mit den Schwarzweiß-Fotos versammelt dabei ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Frauentypen: "junge und alte, dünne und dicke, makellos schöne und solche, die sich erst durch sein Objektiv betrachtet als schön entpuppten." (Verlagstext) Ergänzt werden die Bilder durch Interviews, die Herausgeberin Dian Hanson ('The Big Penis Book' etc.) mit 37 Frauen führte und in denen dem Leser Einblicke in intime Gefühlswelten gewährt werden: "Die Porträtierten sprechen offen darüber, wie sie ihre Hemmungen überwanden und ihrer exhibitionistischen Seite freien Lauf ließen, um vor einem Fremden mit Kamera zum Höhepunkt zu kommen." Für Fotograph Santillo ist die Masturbation in gewisser Weise ein intimerer Akt als andere Sexspielarten, da sie normalerweise im höchst privaten Rahmen stattfindet. Er betrachtete es daher als besondere Herausforderung, diese Intimität und die Schönheit des Geschehens fotographisch einzufangen: "Santillo wollte das verborgene Antlitz seiner Modelle zeigen. Und tatsächlich sind es die Gesichter, die in diesen kunstvollen Fotos die Intensität der Gefühle am eindrucksvollsten widerspiegeln."Taschen-Verlag, Hardcover 20,4 x 28,9 cm, 208 Seiten, mehrsprachig, April 2011, 29,90 Euro.
Helmut Newton gilt als einer der einflussreichsten - aber auch umstrittensten - Mode- und Erotikfotographen des 20. Jahrhunderts. Der 1920 geborene Australier deutsch-jüdischer Herkunft kam im Januar 2004 bei einem Autounfall in Los Angeles ums Leben. Noch zu Lebzeiten gründete er die Helmut Newton Stiftung, die sich in wechselnden Ausstellungen im Berliner Museum für Fotographie in der Jebenstrasse direkt hinter dem Bahnhof Zoo seit Juni 2004 kontinuierlich seinem Werk und seinem künstlerischen Vermächtnis widmet.Helmut Newton hat lange Zeit auch für den Stern Titelbilder und Fotostrecken gestaltet. Diese Arbeit war insbesondere in den 70er-Jahren stilprägend und etwas besonderes, da der Stern damals die erste und einzige große Zeitschrift war, die seine Bilder druckte. Dementsprechend schwärmen Mitarbeiter des Magazins heute noch von dieser Zusammenarbeit. Seit Anfang März 2011 ist nun Ausgabe 63 der Edition stern Fotographie im Handel erhältlich, in der Highlights aus dieser langjährigen Kooperation versammelt sind! Auf über 90 Seiten findet man dort rund 60 Farb- und Schwarz-Weiß-Aufnahmen, bei denen es sich teilweise um anderweitig bislang unveröffentlichtes Material handelt. (Mit Klick auf den Titel gelangt man zu einer Bildergalerie auf Stern-Online, die eine kleine Auswahl dieser Arbeiten präsentiert.) Außerdem führt eine ausführliche Einleitung zweisprachig in deutsch und englisch zu Hintergründen und zur Entstehungsgeschichte der ausgewählten Bilder ein.Aktuelle Presseberichte weisen darauf hin, daß die stern Fotographie Editionen einen hohen Sammlerwert besitzen und daher in der Vergangenheit oft schnell vergriffen waren. Wer sich also stärker für die Mode- und Kulturgeschichte bzw. für die Geschichte der erotischen Fotographie interessiert, sollte daher mit dem Kauf nicht zu lange warten. Im Gegensatz zu Newtons legendärer und ultimativer 'Sumo'-Kunstmonographie - "dem teuersten Buch des 20. Jahrhunderts" - die selbst in der verkleinerten Volksausgabe des Taschen-Verlags noch 100,00 Euro kostet, ist der Stern-Sonderband immerhin auch deutlich erschwinglicher.Teneues Verlag, 96 Seiten, Großformat, gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.
Ende des 19. Jahrhunderts erschütterte ein Sex-Skandal das wilhelminische Deutschland. Im Jahre 1891 veranstalteten hochrangige Adlige aus dem direkten Umfeld von Kaiser Wilhelm d. 2. eine Gruppensexparty im Berliner Jagdschloss Grunewald, bei der es zu exzessiven Ausschweifungen kam, die absolut das damals herrschende Sittengesetz brachen: Frauen hatten Sex mit anderen Männern, Männer mit fremden Frauen, manche Frauen vergnügten sich gleichzeitig mit mehreren Liebhabern oder gaben lesbischen Neigungen nach, Männer hatten Sex untereinander und ähnliches mehr. Mit anderen Worten: es ging zu wie jede Samstagnacht im KitKatClub, nur dass die Anzahl der Hofräte, Gräfinnen und Herzöge im Club ein wenig geringer ist. Zwar galt absolute Geheimhaltung und Diskretion doch pikante Details dieses Abends gerieten auf Umwegen an die sogleich empörte Öffentlichkeit. Erpressung war im Spiel, es kam zu allerlei Verdächtigungen und schliesslich gar zu Duellen, die die Ehre eines der mutmasslich Beteiligten wiederherstellen sollte. Diese Duelle hatten wiederum ein politisches Nachspiel, wodurch selbst der Kaiser zum Eingreifen gezwungen wurde...Über all das hat der renommierte Historiker Wolfgang Wippermann, Professor an der Freien Universität Berlin, der sonst für seine Studien zur Ideologiegeschichte des Faschismus und des Kommunismus bekannt ist, nun ein Buch veröffentlicht, das die genaueren Umstände des weithin vergessenen Vorfalls rekonstruiert und ihn gleichzeitig in die Kultur- und Moralgeschichte einordnet. Leitfaden seiner Untersuchung ist dabei die Frage, wer von den möglichen Personen tatsächlich das Stillschweigen gebrochen und damit den öffentlichen Skandal ausgelöst hatte, und in dieser Hinsicht liest sich seine Darstellung wie ein spannender wissenschaftlicher Kriminalroman. Auf einer kulturhistorischen und analytischen Ebene dagegen nimmt Wippermann das Ereignis zum Anlass, die Veränderungen des männlichen Ehrbegriffs und der Männlichkeitsvorstellungen überhaupt im Ausgang des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen. Dabei gehen in seinem Buch aufklärerische Aspekte zur Sexualgeschichte und Unterhaltungsmomente trotz einiger detailverliebter Längen eine weithin gelungene Synthese ein, die die Lektüre insgesamt zu einer kurzweiligeren Angelegenheit machen.Das ganze ist auf jeden Fall auch ein gutes und geradezu verblüffendes Beispiel für die sonst eher weniger beachteten Zusammenhänge zwischen Sexualmoral, materiellem Wohlstand und politischer Macht, verblüffend deshalb, weil man erotische Lustbarkeiten und sexuelle Libertinage überall woanders erwartet nur nicht ausgerechnet im Umfeld des wilhelminischen Kaiserhofs. Dies ist nicht einfach nur blosser Ausdruck altbekannter Doppelmoral, wie sich der Adel auf sexuellem Gebiet ja schon immer besondere Freiheiten herausgenommen hat, sondern weist auch auf die viel grundlegendere Tatsache hin, dass sich sexuelle Bedürfnisse bzw. eine erotische Kultur erst auf dem Boden materieller Luxurierung und allgemeiner Daseinsabsicherung richtig entfalten können. Eine asketisch-restriktive Sexualmoral, wie sie traditionell insbesondere im Christentum bzw. im Katholizismus aber auch im islamischen Fundamentalismus bis heute vorliegt, verwaltet letztlich den Hunger, die Armut, den grundlegenden Mangel an allem lebensnotwendigen auf einer geistigen Sinn- und Orientierungsebene, der sich ohne sichere Verhütungsmöglichkeiten sogar noch dramatisch verschärft, wenn eine wachsende Familie und stetig steigende Kinderzahl ernährt und versorgt werden muß. Umgekehrt lassen sich die sexuellen Revolutionen nach dem 2. Weltkrieg bis hin zur Entstehung einer kulturellen Institution wie des KitKatClubs als zeitversetzte Folgen verschiedener Wohlstandsschübe interpretieren, die im Zusammenspiel mit der Jahrhunderterfindung der Pille diese alte und repressive Sexualmoral obsolet werden liess! Zeitversetzt sind diese Folgen deswegen, weil sich sexuelle Verhaltensweisen, Normen und Werte meist in der Kindheit und Jugend formieren und später nur noch langsam oder unter Ausnahmebedingungen verändern, obwohl ihre Notwendigkeit "eigentlich" gar nicht mehr besteht. Daher kommt es zu allen möglichen Formen sozialer Ungleichzeitigkeit, d.h. zur gleichzeitigen spannungsgeladenen Existenz unvereinbarer Wertvorstellungen und Handlungsorientierungen verschiedener sozialer Gruppen, Schichten oder Generationen. Von einer solchen Ungleichzeitigkeit waren letztlich auch schon der Adel und der Kaiserhof des wilhelminischen Deutschlands geprägt. Einerseits besassen seine Mitglieder natürlich in vielfältigster Hinsicht besondere Privilegien, andererseits waren ihre Lebensumstände ganz und gar nicht repräsentativ für die elenden oder kargen Lebensbedingungen der meisten Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts. Daher mussten selbst sie sich zumindest nach außen hin und zum blossen Schein noch sehr viel konservativeren Normen unterwerfen, auch wenn sie sexuelle und moralische Vorstellungen, die seit uralten Zeiten das Zusammenleben der Menschen geregelt hatten, in ihren geheimen und privaten Zirkeln längst schon hinter sich liessen...Primus-Verlag, August 2010, gebundene Ausgabe, 167 Seiten, 19,90 Euro.
Die 1952 geborene französische Fotographin Bettina Rheims legt nach 'Shanghai' aus dem Jahr 2004 mit 'Rose c'est Paris' einen weiteren Bildband vor, der sich thematisch mit einer Stadt - und diesmal mit ihrer Heimatstadt - verbindet. Und wieder zeichnet dabei Serge Bramly, einer ihrer Ex-Ehemänner, als Co-Autor mitverantwortlich, mit dem sie eine langjährige Freundschafts- und Arbeitsbeziehung verbindet. Bettina Rheims wird von vielen als die bedeutendste Erotikfotographin der Gegenwart angesehen. Ihr erster Bildband 'Female Trouble' erschien bereits 1992, während sie insbesondere mit dem Band 'Chambre Close' aus dem Folgejahr eine breite internationale Aufmerksamkeit erfuhr. Rheims Vorliebe und Faszination für den weiblichen Körper oder die Art ihrer Inszenierungen, in denen Frauen nicht selten als so verführerische wie selbstbewußte Lustobjekte dargestellt werden, wurden oft mit Helmut Newton verglichen und provozierten dementsprechend einen ähnlichen Dauerkonflikt mit bestimmten Abteilungen des modernen Feminismus. Zu ihren Arbeiten gehören aber auch Porträts prominenter Persönlichkeiten, Aufträge für Plattencover oder die Werbung oder z.B. die aufsehenerregende und umstrittene Fotoserie I.N.R.I. aus dem Jahr 1999, wo sie in 200 Bildern Szenen aus dem Leben Jesu Christi nachstellte.In ihrem neuesten Werk 'Rose c'est Paris' inszeniert sie ihre Heimatstadt als einen geheimnisvollen Ort rätselhafter Erotik, an dem sich eine surreale Geschichte abspielt. Es geht um zwei Zwillingssschwestern, die nur B und R genannt werden und von denen eine entführt worden ist, während die andere sich auf die Suche nach ihr macht. An verschiedenen Orten von Paris, in den Strassen und Plätzen, in Cafés und Museen, in stillgelegten Fabrikhallen oder mondänen Hotels begegnet man wunderschönen Frauen, die u.a. von so bekannten Modells oder Schauspielerinnen wie Michelle Yeoh, Naomi Campbell, Charlotte Rampling oder Monica Bellucci verkörpert werden. Da zum Fotoband aber auch eine 138-minütige DVD plus weitere Objekte in einem Koffer gehören, kann man das Ausgangsszenario auch als eine Art erotisch-mysteriösen Kriminalfilm oder angeleiteten Tagtraum ansehen und rezipieren. Der herausgebende Taschen-Verlag charakterisiert das Gesamtkunstwerk dagegen so: "Rose, c'est Paris ist ein vielschichtiges Werk des poetischen Symbolismus und zeigt eine Stadt der surrealistischen Visionen, der Identitätsverwirrungen, der Obsessionen, der Fetische und des brodelnden Begehrens."...Das ganze ist erhältlich in einer limitierten und nummerierten, von Bettina Rheims und Serge Bramly signierten Collector's Edition von 1.500 Exemplaren im XL-Format. Zusätzlich gibt es zwei Art-Editionen von je 100 Exemplaren mit einem ebenfalls nummerierten und signierten Originalabzug. Ein Exemplar der Collector's Edition kostet dabei inclusive DVD plus weiterer Objekte sage und schreibe 750,00 Euro und ist damit leider nur für absolute Liebhaber der erotischen Fotographie oder für Investoren auf der Suche nach Kunstanlagen interessant bzw. erschwinglich.Taschen Verlag, gebundene Ausgabe in deutscher Sprache, 336 Seiten, Juni 2010, 750,00 Euro.
Der 1929 in Österreich geborene Eric Kandel erhielt im Jahre 2000 den Nobelpreis für Medizin für seine Studien auf dem Gebiet der Neurowissenschaft. Sein Spezialgebiet war die jahrzehntelange Erforschung der Signalübertragungswege im Gehirn und dabei insbesondere der biologischen Mechanismen, die unserem Erinnerungsvermögen und dem Phänomen des Lernens zu Grunde liegen. Als Hauptstudienobjekt für diese Arbeit verwendete er dabei eine besondere Meeresschneckenart, die sogenannte "Aplysia californica", auch Kalifornischer Seehase genannt, da sich bei ihr die synaptischen Verbindungen und neuronalen Reaktionen besonders gut untersuchen lassen.Der jüdisch-stämmige Kandel musste 1939 nach dem Anschluß Österreichs durch die Nationalsozialisten mit seiner Familie in die USA emigrieren, wo er 1945 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Schon immer an allen Fragen interessiert, die sich mit dem menschlichen Bewußtsein beschäftigen, wollte er ursprünglich eigentlich Psychiater bzw. Psychoanalytiker werden. Durch verschiedene persönliche Umstände aber auch durch die grundlegende Einsicht, von der schon Sigmund Freud selbst ausging, daß sich alle geistigen Phänomene letztlich auch in der materiellen Struktur und Funktion des Gehirns niederschlagen müssen, wendete er sich aber schließlich der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung zu. Mit 'Auf der Suche nach dem Gedächtnis', das schon 2006 auf Deutsch erschienen ist, aber seit Sommer 2009 auch als preiswertes Taschenbuch vorliegt, erhalten wir somit eine lebendig geschriebene und nur gelegentlich etwas zu detaillierte Einführung in neuere Erkenntnisse der Hirnforschung aus erster Hand und damit in eines der wichtigsten Forschungsgebiete des 21. Jahrhunderts! Das Buch liest sich für den wissenschaftlichen Laien vor allem deswegen mit Gewinn, da es eine unterhaltsame Mischung aus persönlicher Biographie und populärem Wissenschaftssachbuch darstellt, so als ob Kandel seine zentralen Forschungsfelder "Gedächtnis" und "Erinnerung" auch auf die Stationen seines persönlichen Lebensweges anwenden wollte. Dabei zeigt er eine ganze Menge Humor und Wiener Schmäh, wie man anlässlich seines letztjährigen Talk Show-Auftritts bei 'Beckmann' (zusammen mit Tina Turner) aber auch im gleichnamigen dokumentarischen Filmporträt über "den Rockstar der Neurowissenschaften" studieren konnte, das letzten Sommer in den Kinos lief.Professor Kandel hat sich seine Wertschätzung für die Psychoanalyse immer bewahrt, deren Kerneinsichten durch die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung schon seit längerem ein unerwartetes wenngleich modifiziertes comeback erleben, und so ist denn auch ein diesbezügliches Kapitel gegen Ende des Buches von besonderem Interesse. Mit Kandels Arbeiten liegt ein leider seltener Glücksfall von echter Interdisziplinarität vor, hier zwischen naturwissenschaftlicher Medizin und psychoanalytischer Theoriebildung, wobei allerdings sein wissenschaftliches Hauptinteresse an Fragen des Gedächtnisses naturgemäss einen mehr kognitiven Schwerpunkt aufweist, während das ganze Gebiet der Emotionen und insbesondere der Sexualität noch wenig Beachtung findet. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis aber auch das theoretische Kernstück der klassischen Psychoanalyse eine neurobiologische (oder vielleicht auch evolutionspsychologische) Rehabilitierung erfährt?Goldmann-Verlag, Taschenbuch, 528 Seiten, Juli 2009, 10,95 Euro.
Telefonzelle - Missionarsstellung - Taschenrechner - Eisblumen - Cowboys - Klosteine - Kaugummiautomaten - Compact-Cassette - Eumel und Gilb - Friedensbewegung - Glühbirne - Helden - Schreibmaschine - Kavalier - Trimm-Dich-Pfad - Mehrheit, absolute... ... ...Es gibt Sorten von Büchern, die liest man am besten nicht kontinuierlich von vorne nach hinten sondern nur ausschnittsweise, nach selbstgewählter Reihenfolge und spontanem Interesse. Zu solchen Büchern gehört naturgemäss die Gattung der Lexika, wozu auch jene zählen, die die formale lexikalische Strenge nur zu Zwecken der unterhaltsamen Belehrung imitieren und simulieren. Ein solches Buch ist auch 'Das Lexikon der verschwundenen Dinge' der beiden populären Berliner Radiomoderatoren Robert Skuppin und Volker Wieprecht, die in teils ernsthaftem aber überwiegend doch ironischem Ton dem Verschwinden von Alltagsgegenständen hinterher spüren. Dabei gelangen sie zu mehr oder weniger amüsanten Einsichten über die Vergänglichkeit von konkreten Dingen, aber auch das Verschwinden oder Verblassen von Einstellungen, Haltungen, sozialen oder kulturellen Moden gerät in den Blickpunkt ihrer „Aufmerksamkeit" (die selbst vom Aussterben bedroht sei). Einerseits macht dabei allein schon die Aufnahme in ihr Buch bewußt, daß das ein oder andere Ding bzw. die ein oder andere Gewohnheit tatsächlich weitgehend aus dem kollektiven Gebrauch geraten ist, andererseits halten sie mit ihren Betrachtungen der Gegenwart auch einen Spiegel vor, in dem sie aktuellere Phänomene und Prioritäten indirekt stärker ins Bewußtsein heben.So witzig und erhellend sich einzelne Abschnitte auch lesen, die nur gelegentlich ins konventionelle oder platte abdriften, kann das ganze seinen grundsätzlich nostalgischen Anstrich allerdings nicht verbergen. Mit dem Aufspiessen des Alterns und Verschwindens äußerer Objekte und Verhältnisse soll letztlich der Verlust der Jugend und damit das eigene Älterwerden ironisierend entschärft werden, denn unter R wie „Radiomoderatoren" fehlt natürlich ein Eintrag darüber, daß auch die klassische Radiokultur mit ihren Sendeformaten, Musikreservaten und Moderatorenstars angesichts der explosionsartigen Fülle der neuen Medienwelt tendenziell eine aussterbende Spezies darstellt.Man schmökert in diesem Buch z.B. auf Reisen, im Bahnhofsbuchhandel oder auf der Suche nach einem passenden Geschenk. Hier besonders zur Lektüre empfohlen seien die Stichworte Popper - Ehre - Sexbombe - Haare - Hi-Fi.Rowohlt-Verlag Berlin, Mai 2009, 288 Seiten, 17,90 Euro.
„Sie sind mit ihrem Look dem Zeitgeist immer einen Schritt voraus, sie provozieren mit Stilmix, verzaubern durch Eleganz, sind sexy, exzentrisch und glamourös – die Fashionistas setzen lieber Trends, als ihnen hinterherzulaufen. Was sie heute anziehen, hat morgen Kultstatus und wird hundertfach kopiert. Ganze Stilrichtungen sind nach ihnen benannt und ihr Look ist eine nie versiegende Inspirationsquelle." (Verlagstext)Der Bildband 'Fashionista' von Simone Werl gibt erstmals einen breiten Überblick über stilprägende Vorbilder, die die Entwicklung der weiblichen Mode in den letzten hundert Jahren nachhaltig beeinflusst haben. Die Autorin stellt insgesamt 50 Stilikonen vor, die sie in launige zehn Kategorien unterteilt. So werden etwa die „It-Girls" (Edie Sedgewick, Twiggy, Kate Moss...) von den Exzentrikern (Grace Jones, Björk...) unterschieden, die Ladys (Grace Kelly, Audrey Hepburn...) von den (Sex-)Bomben (Brigitte Bardot, Marilyn Monroe...) oder die Diven (Marlene Dietrich, Joan Crawford...) von den „Geradlinigen" (Coco Chanel, Katherine Hepburn, Jill Sander...) usw. Mega-Star Madonna bildet hier gleich eine eigene, wenngleich wenig überraschende aber völlig zutreffende Abteilung: „Das Chamäleon". Für eine jüngere und modehistorisch interessierte Generation dürften dabei insbesondere auch die Porträts von heute wenig bekannten bis vergessenen Modestars aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Interesse sein, wie etwa von Luisa Casati, Louise Brooks oder Elsa Schiaparelli. Im Begleittext versucht Simone Werl dem Geheimnis bzw. dem gewissen Etwas der einzelnen Stilikonen auf den Grund zu kommen, die mit großformatigen Abbildungen präsentiert werden. Eine kleine Auswahl der Fotos findet man dagegen auf der Seite von STERN-Online, wenn man dem Link oben auf dem Titel folgt. (Nach einem umfassenden Relaunch der STERN-Seite führt der Link jetzt zu amazon.de.)Prestel-Verlag, März 2009, 176 Seiten, 150 farbige und 50 schwarz-weiß Abbildungen, Format 240 x 195mm, 29,95 Euro.
Das weibliche Geschlechtsorgan ist dem äußeren Blick in seiner physischen Ausprägung und ganzen Anatomie stärker verborgen als das männliche und konnte daher auch leichter einem deformierenden sprachlich-ideologischen Blick zum Opfer fallen. In seiner Beschreibung als Vagina oder „Scheide" wird es als das blosse Gegenteil zum Penis definiert, als komplementäre Leerstelle oder „Loch", das nur durch die Abwesenheit des männlichen Gliedes Bedeutung und eine eigene Identität erhält. Dies ist schon in anatomischer Hinsicht reduktionistisch, weil damit nur bestimmte Teile des weiblichen Genitals geistig wahrgenommen und begrifflich bezeichnet werden. Und dies kann schnell fatale medizinisch-psychologische Konsequenzen entfalten, wenn manche Chirurgen bei bestimmten Operationen bedenkenlos Nerven durchtrennen, die für die sexuelle Empfindungsfähigkeit unabdingbare Voraussetzung sind. Mithu M. Sanyal geht in ihrer nun vorgelegten Kulturgeschichte der Vulva solchen vor allem patriarchal geprägten Deformationen des weiblichen Körpers und der weiblichen Sexualität nach, um die darin enthaltene binäre Geschlechterlogik in Richtung auf eine größere multivariable Freiheit zu überwinden. Sie berichtet darin auch von älteren Traditionen und Kulturen, in denen das weibliche Geschlechtsorgan eine ganz andere Wertschätzung genoss bzw. Gegenstand zumeist religiöser Verehrung gewesen war. Die 38-jährige promovierte Kulturwissenschaftlerin und Journalistin sieht sich mit ihrer Arbeit in der Mitte zwischen dem älteren Mainstream-Feminismus und jüngeren pop- oder postfeministischen Bewegungen, in denen ein offenerer und unverkrampfterer Umgang mit Erotik und Sexualität gepflegt wird. Der sogenannte „sex-positive Feminismus", der sich insbesondere in den USA und vor allem in den konfliktbeladenen Theoriedebatten um die Rolle der Pornographie herausgebildet hatte, will dabei die Befreiung der Frau und die Überwindung patriarchaler Herrschaftsverhältnisse durch die selbstbewußte Aneignung des weiblichen Begehrens vorantreiben.Wagenbach-Verlag, Februar 2009, 240 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,90 Euro.
Ursprünglich schon im August 2007 auf Deutsch erschienen gibt es das Buch nun in einer preiswerten broschierten Ausgabe: Eine Hochzeitsnacht im prüden England der frühen 60er Jahre, als an die 'sexuelle Revolution' noch nicht zu denken war, endet im Desaster. Erhellend, verstörend und in seinen psychologischen Detailschilderungen beinahe so spannend wie ein Krimi. Der Leser erhält hier ein komprimiertes Stück Sitten- und Kulturgeschichte aber nicht als äußerliche und theoretische Abhandlung sondern aus der subjektiven Binnenperspektive der betroffenen Beteiligten. Wer daher die Errungenschaften sexueller Befreiung zurückdrehen will, sollte zumindest wissen, wie es früher tatsächlich einmal gewesen ist, anstatt sentimentalen Fiktionen bzw. verzerrenden Projektionen über die Vergangenheit aufzusitzen wie beispielsweise der französische Erfolgsautor Michel Houellebecq in seinen verschiedenen Werken.„Am Strand" ist das letzte Buch des britischen Schriftstellers Ian McEwan, der in „Saturday" anlässlich der großen Londoner Anti-Irakkriegsdemo im Februar 2003 eine so mitreissende wie tiefgründige literarische Bestandsaufnahme von politischen und geistigen Kernfragen unserer Zeit abgeliefert hat. Sein Roman „Abbitte", in dem er ebenfalls Fallstricken traditioneller Sexualmoral nachspürte, wurde 2007 erfolgreich verfilmt, siehe die DVD-Neuheiten auf der Unterseite zu den TV-Tips. Madonna zitiert in ihrem Song 'What it feels like for a girl' eine Passage aus Ian McEwans erstem Roman „Der Zementgarten" aus dem Jahr 1978, der 1993 ebenfalls verfilmt wurde.Diogenes-Verlag, November 2008, 208 Seiten, 8,90 Euro.
Nach dem Mauerfall entstand in Berlin eine aufregende Szene aus neuen Clubs, Bars und Kunstprojekten aller Art, die das entstandene politische und kulturelle Vakuum mit neuen kreativen Impulsen füllten. Es war die Zeit, in der Berlin auch die damalige Technohauptstadt der Welt wurde, als das im Osten neu erwachte Freiheitsbedürfnis auf die im Westen noch junge Szene elektronischer Musik traf. In diesem historischen Kontext war auch die GoGo-Bar in der Neuen Schönhauser Strasse angesiedelt, direkt in Berlin-Mitte ganz in der Nähe des Alexanderplatzes:„Anfang der Neuziger Jahre, als in Berlin aus der alten Bonner Republik und der sterbenden DDR etwas Neues entstand, wurde die Idee entwickelt an der Schnittstelle der beiden Kulturen, dort wo Kapitalismus den Sozialismus zersetzen sollte wie ätzende Säure eine Laugenbretzel, ein Kunstwerk zu schaffen. Ein temporäres Experiment mit sechsjähriger Laufzeit: Eine Bar. Das Lokal in dem für Bares alles zu haben war: die üblichen Genussmittel, Unterhaltung, Sex, Drogen und auch Dienstleistung, wurde ein Ort, den der Besucher, die Besucherin meist nicht ganz nüchtern, oft pleite und immer verändert verließ." (Verlagstext)Der Erzählband „GoGo Neue Schönhauser Neun" ist eine Sammlung der Geschehnisse im Umfeld der Bar, der Techno-Clubs, des Rotlichtmilieus und der Kunst- und Theaterszene, wobei es Frank Frey mit Witz und Ironie gelingt, eine ungewöhnliche Facette des neuen Berlin noch einmal lebendig werden zu lassen. Eine Leseprobe aus dem Schlußkapitel 17 kann übrigens auf der Homepage des Autors eingesehen werden. Klick den Link!Edition Octopus, Verlag Monsenstein und Vannerdat, November 2008, Softcover, 270 Seiten, 16,50 Euro.
Die Diskussionen gerade aus den letzten Monaten rund um das BKA-Gesetz zeigen noch einmal deutlich, wie staatliche Bestrebungen den individuellen Freiheitsspielraum der Bürger immer mehr einengen wollen. Am Horizont droht der totale Überwachungsstaat, wenn Aufklärung, kritische Öffentlichkeit und politische Gegenwehr diesen Tendenzen nicht rechtzeitig einen Riegel vorschieben. Hans G. Zeger liefert in seinem Buch „Mensch. Nummer. Datensatz." nun einen weitläufigen Überblick über die aktuelle Situation und versucht, den tieferen Ursachen dieser gefährlichen sozialen Entwicklung auf die Spur zu kommen. Die liegen in einem schwer zu durchschauenden Komplex an zunächst scheinbar neutralen technologischen Innovationen, die eine immer bessere statistisch-mathematische Berechnung bzw. elektronische Erfassung sozialer Tatbestände erlauben, an die sich dann administrative Verwaltungsvorgänge, staatliche Kontrollbedürfnisse und kommerzielle Vermarktungsinteressen anknüpfen. Der Autor ist Mitglied des Datenschutzrates im österreichischen Bundeskanzleramt und insofern ein hochrangiger Insider aus der Datenschutzszene. Viele seiner Beispiele stammen daher aus den Entwicklungen in der Alpenrepublik aber auch aus Großbritannien, wo der politische Marsch in den Überwachungsstaat besonders weit fortgeschritten ist. Als erzählerischen Kniff hat er die Figur „mytube" erfunden, einen fiktiven Avatar aus dem Internet, dem er seine Erkenntnisse und Einsichten in dialogischer Form vermittelt. Das erleichtert zwar die Lektüre, wirkt aber manchmal etwas altbacken und betulich. Auch die Empfehlungen im Schlußkapitel, wie der einzelne sich gegen den zunehmenden Zugriff auf seine Daten und Freiheitsrechte schützen kann - Pseudonyme benutzen, Spyware-Schutz installieren, Widerspruchsrechte wahrnehmen u.ä. mehr - sind nicht unbedingt neu oder sonderlich originell. Sie verweisen allerdings darauf, daß der staatliche Kontroll- und Überwachungswahn sich nicht zuletzt auch aus dem Sicherheitsbedürfniss großer Teile der Bevölkerung nährt, die Individualität, Freiheit und Privatsphäre mehr oder weniger freiwillig aufgeben. Eine Chance hat „Big Brother" aber letztlich nur dort, wo die Menschen tatsächlich aktiv den Schutz eines großen Bruders suchen, während er sonst weitgehend ins Leere läuft.Residenz Verlag, Oktober 2008, 364 Seiten, 22,00 Euro.
Barcelona in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts: Der junge Schriftsteller David Martin hält sich mit dem Schreiben von trivialen Fortsetzungsgeschichten über Wasser. Niemand glaubt an sein literarisches Talent, eine große Liebe hat sich zerschlagen und dann scheint ihn auch noch eine tödliche Krankheit zu bedrohen. In dieser Situation trifft er auf einen geheimnisvollen Verleger, der ihm ein so verlockendes wie gefährliches Angebot macht. David lässt sich darauf ein - und schon bald überschlagen sich die Ereignisse mit immer neuen überraschenden Wendungen...Wieder eine Geschichte aus Barcelona aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und wieder spielt ein Buch, spielen die Kraft und Magie der Literatur, eine zentrale Rolle. 'Das Spiel des Engels' ist der Nachfolgeband zu Zafóns Riesenbestseller 'Der Schatten des Windes', der weltweit 10 Millionen mal verkauft wurde, davon allein 2 Millionen mal in Deutschland. Das neue Buch erscheint daher mit einer exorbitanten deutschen Startauflage von 400000 Exemplaren, wobei der Autor einen siebenstelligen Vorschuß allein für die deutschen Rechte erhalten haben soll. Mit einzelnen Motiven und Handlungselementen knüpft es zwar an das Vorgängerbuch an, insbesondere an den „Friedhof der vergessenen Bücher", in der chronologischen Abfolge der Ereignisse ist es aber zeitlich früher angesiedelt und kann völlig als eigenständiger Roman gelesen werden. Inhaltlich läuft es auf eine moderne Variation des Faust-Stoffes hinaus, die der Autor geschickt mit der spanischen Zeitgeschichte, der kulturellen und politischen Vergangenheit Barcelonas und der Atmosphäre klassischer Schauergeschichten à la Edgar Allan Poe verbindet. Schon 'Der Schatten des Windes' entfaltete beim Lesen einen hohen Suchtfaktor und bekäme auf einer Schmökerskala von 1 bis 10 eine klare 12. Sollte 'Das Spiel des Engels' daher ähnlich spannend, mysteriös und vielschichtig sein wie sein Vorgänger, dann ist ein weiteres berauschendes Lesevergnügen garantiert.S. Fischer-Verlag, November 2008, 720 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.Der Schatten des Windes, 2001, Suhrkamp-Taschenbuchausgabe, 563 Seiten, 9,90 Euro.
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