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von Kathrin Passig & Ira StrübelVerlag RowohltHandbuch für Sadomasochisten und solche, die es werden wollen ...
von Matthias T.J.GrimmeCharon Verlag
Matthias T.J.GrimmeCharon Verlag
Literatur
Autoren
Barcelona in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts: Der junge Schriftsteller David Martin hält sich mit dem Schreiben von trivialen Fortsetzungsgeschichten über Wasser. Niemand glaubt an sein literarisches Talent, eine große Liebe hat sich zerschlagen und dann scheint ihn auch noch eine tödliche Krankheit zu bedrohen. In dieser Situation trifft er auf einen geheimnisvollen Verleger, der ihm ein so verlockendes wie gefährliches Angebot macht. David lässt sich darauf ein - und schon bald überschlagen sich die Ereignisse mit immer neuen überraschenden Wendungen...Wieder eine Geschichte aus Barcelona aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und wieder spielt ein Buch, spielen die Kraft und Magie der Literatur, eine zentrale Rolle. 'Das Spiel des Engels' ist der Nachfolgeband zu Zafóns Riesenbestseller 'Der Schatten des Windes', der weltweit 10 Millionen mal verkauft wurde, davon allein 2 Millionen mal in Deutschland. Das neue Buch erscheint daher mit einer exorbitanten deutschen Startauflage von 400000 Exemplaren, wobei der Autor einen siebenstelligen Vorschuß allein für die deutschen Rechte erhalten haben soll. Mit einzelnen Motiven und Handlungselementen knüpft es zwar an das Vorgängerbuch an, insbesondere an den „Friedhof der vergessenen Bücher", in der chronologischen Abfolge der Ereignisse ist es aber zeitlich früher angesiedelt und kann völlig als eigenständiger Roman gelesen werden. Inhaltlich läuft es auf eine moderne Variation des Faust-Stoffes hinaus, die der Autor geschickt mit der spanischen Zeitgeschichte, der kulturellen und politischen Vergangenheit Barcelonas und der Atmosphäre klassischer Schauergeschichten à la Edgar Allan Poe verbindet. Schon 'Der Schatten des Windes' entfaltete beim Lesen einen hohen Suchtfaktor und bekäme auf einer Schmökerskala von 1 bis 10 eine klare 12. Sollte 'Das Spiel des Engels' daher ähnlich spannend, mysteriös und vielschichtig sein wie sein Vorgänger, dann ist ein weiteres berauschendes Lesevergnügen garantiert.S. Fischer-Verlag, November 2008, 720 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,95 Euro.Der Schatten des Windes, 2001, Suhrkamp-Taschenbuchausgabe, 563 Seiten, 9,90 Euro.
In diesem amüsant und leicht geschriebenen Streifzug durch die Ideen- und Geistesgeschichte der abendländischen Kultur beleuchtet der britische Philosoph Simon Blackburn einige der wiederkehrenden und wirkungsmächtigen Argumente gegen die Wollust, von der Antike bis zur Gegenwart. Sein Ziel: die traditionell philosophisch-religiösen Denunziationen der sinnlichen Lüste sollen entkräftet werden, um eine recht verstandene Sexualität und Erotik selbst zur Tugend zu erheben. Breiteren Raum nehmen anfangs die christlich-theologischen Verächtlichmachungen des Eros ein, wobei der Autor zeigen kann, daß der hier normalerweise als oberster Moraltheologe viel gescholtene Kirchenvater Augustinus tiefere und vorchristliche, insbesondere griechische Geisteswurzeln besitzt. Die auf den Griechen Aristophanes zurückgehende und über Platon bis heute einflußreiche Eros-Konzeption von Mann und Frau als zwei getrennte Hälften einer ursprünglichen Einheit wird dabei von Blackburn als metaphysisch zurückgewiesen. Realistischer und trotz aller Störungsanfälligkeiten überaus erstrebenswert sei dagegen die Einheit, die der Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert beschrieben hat, und in der das sinnlich-erotische Streben gewissermassen auf eine vollkommene Gegenseitigkeit von Lust schenken und Lust empfangen hinausläuft, was auch die geistige Dimension zwischen den Liebenden miteinschliesst: „Das Verlangen, das die Menschen Wollust nennen (...), ist ein sinnlicher Genuß, aber nicht allein das; es ist eine geistige Freude dabei, denn es entsteht aus der Verbindung von zwei Arten von Verlangen: man will Gefallen erregen und erfreut werden; und die Freude, die die Menschen empfinden, wenn sie erfreuen, ist nicht sinnlich, sondern ein Genuß oder eine Freude des Geistes, die in der Vorstellung der Macht besteht, daß sie soviel Freude erregen können." (S. 92)Blackburns kleines und mit einer Reihe Illustrationen versehenes Taschenbüchlein, das im englischen Original schon 2004 erschienen ist, enthält jede Menge wertvoller Gedankensplitter und geistreicher Assoziationen zum Thema, ohne es allerdings systematisch zu vertiefen oder beim Leser zuviel an philosophischem Vorwissen vorauszusetzen. Ob Hinweise zur gedankenauslöschenden Qualität der erotischen Erfahrung, zu Prostitution, Pornographie oder öffentlichem Sex, zu 'Katastrophen', exzessiver Übertreibung, Ersetzbarkeit des erotischen Objekts oder den fragwürdigen Erklärungsansprüchen der modernen Evolutionspsychologie - immer fühlt sich der Leser auf unterhaltsame Weise belehrt, ohne dem Autor schon in jeder Einzelaussage und Gedankenwendung folgen zu müssen. So erscheinen etwa anfänglich Definitionsprobleme, inwieweit 'Wollust' immer nur mit sexueller Lust gleichzusetzen sei oder einen allgemeineren, darüber hinausgehenden Charakter besitzt, mehr Übersetzungsproblemen bzw. der englischen Originalsprache geschuldet zu sein, oder sind einige Seitenhiebe gegen die Freudsche Psychoanalyse nur teilweise überzeugend, ist doch die Psychoanalyse jenes Gedankengebäude, das der grundlegenden Erhellung der menschlichen Lüste bislang die größte Aufmerksamkeit geschenkt hat, vielleicht von einigen spirituellen Erotiklehren wie dem Tantrismus abgesehen. Insbesondere Blackburns anfängliche Gegenüberstellung von vermeintlich egoistischer Wollust versus selbstloser Liebe läßt sich gerade angesichts seines Ideals der Hobbes'schen Einheit nicht aufrechterhalten, da wir alle möglichen Formen narzisstisch-egoistischer Liebeshaltungen kennen wie umgekehrt sich sexuelle Erregung erst an der authentischen Stimulation des anderen, am altruistischen Geben und Verschenken der Lust entzünden kann.Blackburn hat insgesamt zwar ein so gehaltvolles wie inspirierendes Buch geschrieben, das zum eigenen Nachdenken anregt, nur eine zentrale Frage läßt er trotz aller historischen Rückwendungen überraschenderweise offen und stellt sie nicht einmal: was ist eigentlich der tiefere und grundlegende Ursprung der so weitverbreiteten und beinahe wie universell erscheinenden 'Sündhaftigkeit' des sexuellen Verlangens, warum braucht es also überhaupt erst solch eine Verteidigungsschrift oder all' die anderen modernen Bemühungen um Aufklärung und sexuelle Emanzipation? Die Antwort dürfte allerdings weiter vom Ausgangsthema wegführen und mit der existentiellen Funktion religiöser Weltbilder insgesamt zu tun haben, wobei das genauere Verfolgen dieser Linie den hier gegebenen Rahmen einer Buchbesprechung sprengen würde.Wagenbach-Verlag, September 2008, 141 Seiten, 10,90 Euro.
Einer der neueren Sex-Mythen unserer Zeit und Ausdruck einer eigentümlichen „sexual correctness" ist die weithin vertretene und die öffentliche Meinung dominierende Behauptung vor allem von Frauen, daß die Größe des Penis für die sexuelle Erfahrung keinerlei Rolle spiele. In repräsentativen Umfragen wird dieses vorherrschende Meinungsklima allerdings deutlich relativiert, da hier rund die Hälfte aller befragten Frauen die genau entgegengesetzte Ansicht zum Besten gibt. Diane Hanson, die einstige Chefredakteurin eines Fetisch-Magazins, hat nach ihrem Bestseller 'The Big Book of Breasts' nun einen schwergewichtigen Bildband mit mehr als 400 überdurchschnittlich großen Penissen herausgegeben und gehört damit insgeheim wahrscheinlich doch eher zur zweiten Kategorie, obwohl auch die amazon-Kurzbeschreibung zu ihrem Buch die Qualität über die Quantität stellt, während sie gleicheitig die Faszination an großen Schwänzen beschwört. „Überdurchschnittlich groß" heißt in ihrem Falle übrigens länger als 8 inches (20 cm), womit weltweit nach Angabe der Autorin weniger als 2% aller Männer ausgestattet sein sollen, wobei die Durchschnittslänge nach neueren Erkenntnissen nur ca. 15 cm betrage.Es handelt sich hier überwiegend um historische Aufnahmen von Kultfotografen aus den 70er Jahren, die mit Interviews oder kurzen Porträts vorgestellt werden und dabei eine kleine Geschichte der männlichen Aktfotografie liefern, ebenso gibt es zu jedem Model auführliche Informationen. Mehr über die Idee zum Buch, die kulturgeschichtliche Bedeutung des Phallus oder die Suche nach „dem perfekten Schwanz" kann man im Interview mit Diane Hanson in Heft 2/2008 von 'Alley Cat' lesen, dem neueren Magazin für anspruchsvolle Erotik speziell für Frauen. Dort findet sich auch der Hinweis, daß man sich von dem verhüllten Titelbild des Buchcovers nicht in die Irre führen lassen sollte, wie die Homepage des Taschen-Verlags dementsprechend nicht nur einige Abbildungen aus dem Buch sondern sogar ein so witziges wie informatives Video-Interview mit der Autorin, Auszüge aus der Einleitung und jede Menge (auch deutschsprachige) Rezensionen bereithält.Taschen-Verlag, 2008, gebundene Ausgabe, Großformat, Englisch, 384 Seiten, 39,90 Euro.
Der im Juli 2008 erschienene Reader versammelt über drei Dutzend Beiträge von Musikjournalisten, Kritikern, Musikern, Künstlern und anderen 'Madonnalogen' über die Queen of Pop. Die meist aus sehr subjektivem Blickwinkel geschriebenen Betrachtungen beschäftigen sich dabei mit den unterschiedlichsten Facetten ihres Werkes, ihrer öffentlichen Rolle(n) oder ihrem Einfluß auf bestimmte Teile der jüngeren Generationen wie auf die Entwicklung der Pop-Kultur insgesamt und gliedern sich in 15 Abschnitte, die beispielsweise lauten: 'Meine 25 Jahre mit Madonna', 'Pop versus Avantgarde', 'Madonna und die schwule Subkultur', 'Wo geht's denn hier zum Pop-Feminismus?' u.ä. mehr. Sie werden ergänzt von einer einführenden Übersicht, zwei älteren Interviews mit Madonna selbst, einem launig-ironischen 'Madonna ABC' und 16 exclusiv für diesen Band angefertigten Illustrationen zeitgenössischer Künstler.Das Leitmotto des Bandes könnte etwa nach dem Journalisten Thomas Groß lauten, daß jeder Grund, sich mit Madonna nicht zu beschäftigen, ein Grund sei, es DOCH zu tun (S. 347). Diese pointiert-paradoxe Einschätzung ist nicht völlig überraschend, weil ihre eskalierenden Rollen-, Identitäts- und Imagewechsel einen über zwanzigjährigen Prozeß der Verrätselung und Mythologisierung initiiert haben, der die reale Musikerin Madonna Louise Ciccone in eine lebende Kunst- und Symbolfigur verwandelt hat und Symbole zeichnen sich nun einmal generell dadurch aus, daß sie unterschiedliches, widersprüchliches und sogar gegensätzliches in sich vereinen können. Als Symbol der Pop-Kultur im allgemeinen, als kollektives bzw. mediales Sex-Symbol im besonderen, wird „Madonna" so zu einer gigantischen Projektionsfläche für die vielfältigsten kulturellen, sexuellen und geistigen Entwicklungen unserer Zeit, die sich an ihr kristallisieren, reflektieren und personifizieren. Wer sich mit „Madonna" auseinandersetzt, kann daher immer auch eine ganze Menge über die Welt, die Gegenwart und sich selbst lernen, und deshalb dürfte die Lektüre des Buches auch all denen einen etwas größeren Lust- und Erkenntnisgewinn liefern, die der reinen Musikerin und Geschäftsfrau Madonna eher kritisch bis ambivalent gegenüberstehen, als jenen naiveren Fans, die nur die unkritische Anbetung eines Idols erwarten. Suhrkamp-Verlag, 2008, 400 Seiten, 12,40 Euro.
Professor Volkmar Sigusch war bis zu seiner Emeritierung 2006 Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft der Goethe-Universität in Frankfurt/Main und gilt auch international als einer der angesehensten Experten seiner Disziplin. Nun ist im Mai 2008 die mit 720 Seiten voluminöse 'Geschichte der Sexualwissenschaft' erschienen, die als Opus magnum von Sigusch gehandelt wird und sich auch gut als Nachschlagewerk nutzen lässt. Kenntnisreich aus eigener langjähriger Mitarbeit an seinem Fach geht er sowohl in die historische Tiefe bis zu den Anfängen, die er - anders als weithin üblich - in den Werken und Untersuchungen des eher unbekannten Italieners Mantegazza verortet, als auch in die Breite der verschiedenen Ansätze und Teildisziplinen. Dabei kann er auch noch auf seltene Quellen und Nachlässe weniger bekannter bzw. verfolgter Autoren zurückgreifen, die er in jahrzehntelanger Arbeit zusammengetragen hat.Als Mitbegründer der modernen Sexualmedizin in Deutschland, der aber andererseits auch sozialwissenschaftlichen und politischen Fragestellungen verpflichtet ist, trug Sigusch schon immer der interdisziplinären Qualität von Sexualwissenschaft Rechnung. Im aktuellen Interview für die ZEIT (Juli 2008) zeigt er sich allerdings erstaunlich pessimistisch hinsichtlich der akademischen Zukunft seines Fachs. Dies ist allerdings nicht wirklich überraschend, denn wenn die Erforschung des Sexuellen tatsächlich nur dazu diente, „die natürlichste Sache der Welt vom Makel der Sünde zu lösen", wie es in der Kurzbeschreibung zum Buch auf den Seiten des Buchversenders amazon heißt, dann verliert die Sexualwissenschaft in dem Maße an allgemeiner Bedeutung, wie auch traditionell-religiöse Sinn- und Moralsysteme weiterhin an Boden verlieren und das 'post-säkulare' Zeitalter (Habermas) noch auf sich warten lässt. Spezifische Ansprüche auf wissenschaftliche Objektivierung, wie sie vor allem auch der naturwissenschaftlich orientierten Medizin eigen sind, von etwas so höchst subjektiv-intimen wie der sexuellen Erfahrung, waren zudem schon immer äußerst fragwürdig. Es könnte daher sein, daß die latente Müdigkeit, die in Siguschs Pessimismus zum Ausdruck kommt bzw. der von ihm ebenfalls im Interview angesprochene 'irreduzible Sexualrest' keineswegs in der mangelnden Verstehbarkeit des Untersuchungsgegenstandes selbst liegt sondern bloß die immanenten Grenzen der von ihm und vielen anderen gewählten Methodik widerspiegelt, die letztlich distanziert und äußerlich bleiben muß. Campus-Verlag, Mai 2008, 720 Seiten, 39,90 Euro.
November 2004: Der alternde und krebskranke Schriftsteller Nathan Zuckerman lebt seit Jahren zurückgezogen auf dem Land und überlegt während eines Besuchs in New York, ob er wieder in seine frühere Heimatstadt zurückziehen soll. Verschiedene Begegnungen konfrontieren ihn noch einmal mit seinem zwischenzeitlich verlorengegangenen sexuellen Begehren, politischen Aufgeregtheiten anlässlich der gerade geschehenen Wiederwahl von Georg W. Bush - und einem literarischen Geheimnis...Der neueste Roman von Philip Roth gibt Anlaß, einmal auf das Gesamtwerk eines der bedeutendsten US-Autoren der Gegenwart hinzuweisen. In 'Exit Ghost' geht es ähnlich wie schon in 'Jedermann' (2006) oder in 'Das sterbende Tier' (2003, aktuell unter dem Titel 'Elegy' in den Kinos) um die vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Altern des Menschen im Spannungsfeld zwischen Erotik, Krankheit und Tod. 'Verschwörung gegen Amerika' (2005) basiert auf der Grundidee, daß zu Beginn des 2. Weltkriegs der Atlantik-Überflieger und Nazi-Sympathisant Charles Lindbergh US-Präsident geworden wäre. In 'Der menschliche Makel' (2002) beschäftigt sich Roth anhand eines akademischen Skandals mit Problemen der Rassendiskriminierung und der political correctness. (Erfolgreich verfilmt mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman.) In seinem frühen Meisterwerk 'Portnoys Beschwerden' (1970) dagegen werden sprachgewaltig Figuren und Welten beschworen, als träfe der erotische Expressionismus eines Henry Miller auf die sexuellen und komischen Neurosen eines Woody Allen...Roths Romane enthalten neben seiner kontinuierlichen Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Wurzeln vor allem komplexe psychologische Charakterzeichnungen, die genau aus dem Hintergrund ihrer jeweiligen Zeit und ihrer sozialen Umstände herausgearbeitet sind. Sie sind in der Regel kurzweilig ohne trivial zu sein, anspruchsvoll ohne angestrengt oder akademisch zu werden: „Wer außer Roth erreicht eine solche Reichweite und Tiefe in allem, was sexuelle, intellektuelle, psychologische, emotionale und politische Themen anbelangt. Und wer außer ihm kann mit all diesen Dingen seinen Scherz treiben und einem zugleich doch ans Herz rühren?" (Newsweek)Carl Hanser Verlag, München, 2007, gebunden, 296 Seiten, 19,90 Euro.
DAS Romanereignis dieses Frühjahrs, Jonathan Littells Monumentalwerk über Holocaust und 2. Weltkrieg aus der imaginierten Sicht eines Täters. SS-Mann Dr. Max Aue ist Ästhet, Feingeist, gebildeter Akademiker - und homosexuell. Genaugenommen ist er bisexuell oder homosexuell aus kompensatorischen Gründen, da seine inzestuöse Liebe zu seiner Zwillingsschwester weitgehend unerfüllt bleiben muß. In verschiedenen militärisch-administrativen Funktionen ist Aue an zentralen Schauplätzen des Rußlandfeldzuges und der Judenvernichtung anwesend, von der Massenerschießung in der Schlucht von Babi Yar bei Kiew, über Stalingrad und Auschwitz bis zur SS-Zentrale in Berlin. Dabei begegnet er allen wichtigen geschichtlich verbürgten Personen und Entscheidungsträgern: Wehrmachtsgenerälen und hohen SS-Offizieren, Amtsträgern und Diplomaten, KZ-Lagerkommandanten, Rüstungsminister Speer, Verwaltern und Organisatoren der Vernichtung wie Adolf Eichmann bis hin zu Himmler und Hitler.Trotz Längen und Schwächen im Einzelnen lebt das Buch vor allem von der Fülle und Genauigkeit historischer wie atmosphärischer Details, während die skandalisierten und teils bizarren erotischen Passagen einen geringeren Stellenwert und Raum beanspruchen als von manchen Kritikern suggeriert. Deren Polemiken gegen das Buch wirken manchmal so, als ob sie den Boten der schlechten Nachricht köpfen wollten bzw. wirklich den 'schönen' großen Holocaust-Roman erwartet hätten anstatt den schmutzigen und scheußlichen, den Littell mit seinem sehr angemessenen Anti-Helden abgeliefert hat. Dem gelingt insgesamt tatsächlich eine literarische Annäherung an das Grauen und vor allem auch an die Totalität der Vernichtung, in dem er zum einen den von Historikern schon oft aber nur abstrakt beschriebenen bürokratischen Charakter des Massenmordens eindringlich veranschaulichen und in die Empfindungswelt des Alltagserlebens rückübersetzen kann. Zum anderen erlaubt wohl nur die gewählte Täterperspektive eine integrierte Zusammenschau der verschiedenen Einzelaspekte und Tatorte, der ganzen Summe und des ungeheuerlichen Ausmasses der Vernichtungsorgien.Ob die tiefsten und letzten Ursachen des Völkermordes dadurch schon erfasst sind, darf allerdings bezweifelt werden, wobei einzelne religionsgeschichtliche Reflexionen des Autors bzw. der Hauptfigur wahrscheinlich in die richtige Richtung zielen aber systematischer vertieft werden müssten. Littell hat auf jeden Fall durch seine fulminante literarische Verdichtung des historischen Stoffes und über die übliche pädagogische, geschichtswissenschaftliche oder mediale Annäherung hinaus einen anderen, näheren weil emotionaleren Zugang zu den geschichtlichen Ereignissen geschaffen. In dieser Hinsicht setzt sein Buch Maßstäbe, die noch lange Bestand haben werden.Berlin Verlag, Februar 2008, 1392 Seiten, 36,00 Euro.
Anfang des 20. Jahrhunderts, ein Hotel in den österreichischen Bergen: An diesem Ort treffen drei unterschiedliche Frauen aufeinander und tauschen ihre erotischen Erfahrungen miteinander aus. Das besondere daran: die drei heißen Alice, Wendy und Dorothy und entstammen drei der berühmtesten Kinderbuchklassiker der Weltliteratur, 'Alice im Wunderland', 'Peter Pan' und 'Der Zauberer von Oz', deren Lebensgeschichten nun als Erwachsene weitergesponnen werden. Ausgedacht hat sich diesen Comic für Erwachsene der britische Autor Alan Moore (zusammen mit der Zeichnerin Melinda Gebbie-Moore), der Schöpfer von so bekannten Werken wie 'From Hell', 'Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen' oder auch 'V wie Vendetta', die alle auch als Vorlage großer Kinoproduktionen dienten. 'Lost Girls' ist nicht nur mit vielen explizit pornographischen Szenen angereichert sondern enthält vielschichtige literarische, psychologische und zeitgeschichtliche Bezüge und ragt damit weit über den Durchschnitt ähnlicher Werke hinaus. Im Original schon vor über 15 Jahren erschienen, gibt es seit Ende Mai 2008 nun auch die deutsche Übersetzung aber leider nur zu einem äußerst stolzen Preis, der nicht für jedermann bzw. für jederfrau erschwinglich sein dürfte.Verlag Cross Cult, ab 26.5.08, 3 Bände im Schuber, 336 Seiten, 75,00 Euro.
Amphetamin oder 'Speed' ist die Leistungsdroge des 20. Jahrhunderts. Der Hamburger Autor Hans-Christian Dany hat eine politische Kulturgeschichte des synthetischen Stoffes vorgelegt, der ursprünglich als Asthmamittel auf den Markt kam aber bald wegen seiner stimulierenden Wirkungen geschätzt wurde. Die deutschen Soldaten des 2. Weltkriegs putschten sich mit seiner Hilfe genauso in ihre Blitzkriege wie die amerikanischen Bomberpiloten, die Deutschland in Schutt und Asche legten; die Aussteigerkultur der Beatniks oder Andy Warhols factory wurden davon ebenso beflügelt wie angepasste Fortschrittsjünger in den Mühlen kapitalistischer Leistungszwänge und moderner Geschwindigkeitsräusche. Mit MDMA oder Ecstasy, einem Amphetamin-Derivat, erfasste der euphorisierende Konsum chemischer Drogen in den 90ern insbesondere im Rahmen der Techno-Bewegung größere Bevölkerungskreise, was nach Ansicht des Autors vor allem belegt, wie im Drogenkonsum Arbeit und Spaß immer mehr verschmelzen und man keineswegs die „Mechanismen der Kontrollgesellschaft" hinter sich liesse. Für Dany sind daher auch nicht die Drogen selbst das Problem sondern die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, in denen sie genommen werden, denn es gäbe „gute Gründe in den falschen Umständen nüchtern zu bleiben."Edition Nautilus, März 2008, 189 Seiten, 14,90 Euro.
Jetzt ist es also passiert: Der 'Schleimporno' (taz) der Ex-Viva-Moderatorin Charlotte Roche hat Anfang April 2008 mit über 400000 verkauften Exemplaren tatsächlich Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste erreicht! Bürgerlich-konservative Kritiker sind entsetzt ('Schamlose Geschmacklosigkeiten!', 'Untergang des Abendlandes!'), traditionelle Feministinnen wittern Verrat ('Sexismus!'), Alt-68er und abgeklärte Feuilletonisten sehen kühl kalkulierte Provokationen und vermissen den wahren Tabubruch ('Alles längst dagewesen!'). Ein Buch, das solch widersprüchliche Reaktionen auslöst und anscheinend auch Humor besitzt, kann freilich nicht so schlecht sein, wie manche Rezensenten glauben machen wollen. Die Story: Die 18-jährige Helen liegt im Krankenhaus und muß sich einer Operation im Intimbereich unterziehen, weil eine Arschrassur missglückt ist. Dabei hat sie viel Zeit, sich sexuellen Fantasien bzw. Betrachtungen über allerlei Körperflüssigkeiten hinzugeben, aber auch, um über ihr schwieriges Familienschicksal nachzudenken... Der eigentliche Tabubruch des Buches liegt dabei wohl kaum in seinen erotisch-pornographischen Passagen sondern in seinem geballten Angriff auf Scham- und vor allem Ekelgrenzen, mit der die Autorin gegen moderne Hygienezwänge protestieren will, die insbesondere dem weiblichen Geschlecht auferlegt seien. Inwieweit sie mit diesem teils berechtigten Anliegen nicht aber doch über's Ziel hinausschießt und hinfällige wie pathologische Aspekte des Körpers falsch idealisiert, muß jeder Leser selbst entscheiden.Dumont Buchverlag, 219 Seiten, Februar 2008, 14,90 Euro.
Die Biographie von Holocaust-Forscher Götz Aly und Journalist Michael Sontheimer zeichnet den Lebensweg des jüdischen Kondomfabrikanten Julius Fromm nach und hebt damit ein Stück deutscher Sittengeschichte ins allgemeine Bewußtsein. Fromm hat das Kondom zwar nicht erfunden, aber seinen technischen Verbesserungen und Vermarktungsstrategien ist es zu verdanken, daß es während des ersten Weltkriegs zum günstigen und populären Massenartikel wurde, der die Geschlechterverhältnisse revolutionierte. Die viel beschworenen Umwälzungen der Sexualmoral durch die Pille besitzen demnach eine bislang wenig beachtete analoge Vorgeschichte, wie 'die wilden Zwanziger' ohne die bessere Verhütungsmöglichkeit so nicht denkbar gewesen wären.Die manchmal etwas zu detailverliebten Autoren rekonstruieren vor allem auch die spätere nationalsozialistische Enteignungspolitik, die Fromm ins Londoner Exil trieb und die sich nach 1945 unter realsozialistischen Vorzeichen fortsetzte. Daher auch folgender Untertitel des ansonsten sehr anschaulich geschriebenen und leicht lesbaren Buches: 'Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel.' Das Schicksal von Julius Fromm und seiner weitläufigen Familie gerät so zu einer illustrativen Kurzfassung für Götz Alys Generalthese, daß der Nationalsozialismus sich die Zustimmung der Volksmassen durch systematischen Raub, materielle Vergünstigungen und sozialstaatliche Leistungen gezielt erkauft habe, wie er sie in seinem 2005 erschienenen Hauptwerk 'Hitlers Volksstaat - Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus' ausführlicher dargestellt und empirisch untermauert hat. Diese Position ist allerdings - zumindest was ihren Verallgemeinerungsanspruch bzw. ihre Erklärungsreichweite betrifft - unter Historikerkollegen umstritten.Gebundene Ausgabe, Fischer-Verlag 2007, 224 Seiten, 19,90 Euro.
11. September 2001: Keith Neudecker überlebt nur knapp die Anschläge auf das World Trade Center. Traumatisiert versucht er das Geschehene zu verarbeiten und nähert sich auch wieder seiner Ex-Frau Liane an, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat. Die sieht eines Tages den 'falling man', einen Performance-Künstler, der zum Sinnbild der Katastrophe und ihrer psychologischen Folgewirkungen wird...Die Kritik jubelt, wenn auch nicht einhellig: Don DeLillo, der seit seinem großen Erfolgsroman 'Underworld' schon von manchen als Literaturnobelpreiskandidat gehandelt wird, soll mit 'Falling Man' DEN großen Roman zur Tragödie des 11. September geschrieben haben. Wer den Titel anklickt, gelangt zu einem Interview mit dem Autor in der ZEIT von Oktober 2007 über Hintergründe zum Buch und die Lebensgeschichte des Autors. Am Fuß der Seite findet sich dabei auch ein Link, der zu einem Auszug aus dem Roman führt, der Anfangspassage von 'Falling Man'.Erschienen Oktober 2007, Gebundene Ausgabe, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 19,90 Euro.
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Netzware von Andreas Wittich