Das Buch der israelischen Soziologin Eva Illouz 'Warum Liebe wehtut' erhält zur Zeit viel Aufmerksamkeit und Zuspruch in den Feuilletons dieser Republik. Eine kritische Besprechung liest man dagegen auf der Seite des Deutschlandradios vom 29.01.12 (die dort auch als Audio-Datei angeklickt werden kann): "Eva Illouz entwirft einen historischen Verlauf der Liebe, um zu zeigen, dass diese heute anders funktioniert als in vormodernen Zeiten. Der Titel des Buches winkt mit lebensberatendem Versprechen ein größeres Publikum heran, doch es ist das Buch einer Soziologin, das sich ganz und gar im Rahmen ihrer Zunft entfaltet." Daß eine soziologische statt psychologisch-individuelle Herangehensweise an die Probleme von modernen Liebesbeziehungen auf soviel öffentliche und intellektuelle Resonanz stösst, deutet nebenbei auch an, daß DER millionenfach aufgelegte Klassiker zum Thema, nämlich Erich Fromms 'Die Kunst des Liebens', weitgehend vergessen scheint, der schon 1956 eine psychoanalytische Betrachtung mit einer politischen und sozioökonomischen Reflexionsebene verband.
"Homosexuelle Sänger im Glitzerkostüm treiben gestandenen türkischen Männern die Tränen in die Augen. Homosexuelle Nachbarn sind dagegen Tabu." Eine Radioreportage berichtet von Istanbuls Schwulenszene im Spannungsfeld von neuer Liberalität und konservativen Vorurteilen. Ebenfalls im Deutschlandradio, vom 25.01.12.
"Ist Treue von gestern?" fragte die Diskussionsrunde des ZDF-nachtstudios vom 08.01.12 und liess verschiedene Expertenmeinungen aufeinanderprallen, insbesondere in Form eines Philosophen und eines Psychotherapeuten, die geradezu gegensätzliche Standpunkte vertraten: "Verzicht fällt schwer. Aber manchmal kann er sinnvoll sein. Ob es allerdings in Bezug auf Sex sinnvoll ist, einem Partner über Jahre, womöglich ein ganzes Leben, die Treue zu halten, das wird bezweifelt." Die knapp 60-minütige Sendung kann auf der Homepage des ZDF in der dortigen mediathek noch abgerufen werden, klick den Link!
Im Schwerpunktthema von Ausgabe 120 der Schlagzeilen, des zweimonatlich erscheinenden BDSM-Magazins, geht es diesmal um die Welt der professionellen Dominas. Herausgeber Matthias reflektiert dagegen anlässlich eines Workshops "Bondage und Tantra" im frei anklickbaren Editorial über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der SM- und der Tantra-Szene sowie die Notwendigkeit einer zugleich präzisen wie respektvollen Kommunikation. Das Heft wird ergänzt und abgerundet von "geilen Geschichten, spannenden Kolumnen, heißen Bildern, Gruppen, Terminen, dem non-consensual, Kontaktanzeigen und mehr". Der Link führt zum Inhaltsverzeichnis des Magazins.
"Wer bin ich als sexuelles Wesen? Nicht nur Pubertierende, Bisexuelle, sich outende Homosexuelle, Transsexuelle und Transgender treibt diese Frage um, auch »ganz normale« Heteros fragen sich: Bin ich eine richtige Frau? Ein richtiger Mann? Was soll, darf und will ich als sexueller Mann, als sexuelle Frau denken, fühlen, sagen und tun? Bin ich so, wie ich bin, richtig? Der Schlüssel zum Sex ist unser Selbstverständnis." Das aktuelle, halbjährlich erscheinende Tantra Special der Zeitschrift Connection ist seit dem 23.12.11 im Handel. Der Link führt zum Inhaltsverzeichnis, in dem das Editorial sowie zwei Artikel als Leseproben frei anklickbar sind.
Auch im aktuellen Heft des (normalerweise) vierteljährlich erscheinenden Feigenblatts, dem "Magazin für Erotisches", geht es um die Beziehung zwischen Sexualität und Spiritualität: "Leidenschaft, Verzückung und Seligkeit: Sex und Religion haben manches gemeinsam, sind sich aber oft spinnefeind. Das Feigenblatt geht dem Verhältnis zwischen Glaube und Lust auf den Grund und wirft einen Blick auf andere religiöse Traditionen." Der Link führt nur zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe, in die aber virtuell hineingeblättert werden kann.
Heft 4/2011 des vierteljährlich erscheinenden Fachmagazins für Sexualwissenschaft bringt vor allem vier wissenschaftliche Originalbeiträge zum Thema Pornografiekonsum von Jugendlichen, u.a. "What do girls with porn?" und "What do boys with porn?". Tenor der Ergebnisse: einerseits verfestigt der Pornokonsum bestehende heterosoziale Rollenmuster, andererseits sind die gesellschaftlich geschürten Ängste um die sexuelle Verwahrlosung von Jugendlichen weitgehend übertrieben. Im Netz sind nur Kurzzusammenfassungen frei einsehbar.
"Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami lebt wie ein Mönch und schreibt wie ein Magier." Ein Artikel in der Februar-Ausgabe von NEON porträtiert Haruki Murakami, der zur Zeit Leser wie Kritiker mit seinem Monumentalwerk 1Q84 begeistert. (Der Link führt nur zum Inhaltsverzeichnis des aktuellen Hefts.)
Tokio Ende der 60er-Jahre: Vor dem Hintergrund der weltweiten Studentenproteste begegnen sich der junge Noro und die Studentin Naoko an der Universität wieder, die durch ein gemeinsames Schicksal verbunden sind. Dann trifft Noro auf die temperamentvolle Midori... Manchmal prägt die Stimmung eines Liedes ein ganzes Buch so wie in diesem Fall die literarische Vorlage von Haruki Murakami, die im Original 'Norwegian Wood' heisst, nach dem gleichnamigen Beatles-Song. Murakamis Romane sind Kult und das primär nicht wegen ihrer explizit erotischen Stellen, die einst das Literarische Quartett des ZDF unrettbar entzweit hatten. Seine versponnenen, witzigen und haltlos romantischen Geschichten an der Grenze zwischen Traum und Realität spalten auch die Leserschaft gewöhnlich in glühende Bewunderer und naserümpfende Verächter. Bücher sind sowieso schwer zu verfilmen und auch hier ist die Kritik genau zweigeteilt. Während die einen finden, daß Regisseur Tran Anh Hùng ('Der Duft der grünen Papaya') die erotisch-sinnliche und traurig-süße Melancholie der Romanvorlage durch wunderschöne Bilder, den Soundtrack und das berührende Spiel der Darsteller genau eingefangen hätte, liess das andere Rezensenten dagegen eher kalt...
Der jung verstorbene US-Pop-Künstler Keith Haring arbeitete mit eigenwilligen Chiffren und Symbolen, die sich zu zeichenhaften short messages verdichteten. Sein Werk ist dabei klar von der zeitgenössischen Graffiti-Szene inspiriert. Veranstaltungs- und Werbeplakate gehörten ebenfalls zu seinen Arbeiten, in denen sich auch sein soziales und politisches Engagement ausdrückte und die nun in der Ludwiggalerie Oberhausen komplett gezeigt werden. 85 Entwürfe sind dort noch bis zum 6. Mai 2012 zu sehen.
Unter dem Titel "Casanova - Die Leidenschaft der Freiheit" läuft noch bis zum 19. Februar 2012 in der Pariser Nationalbibliothek eine Ausstellung über die Memoiren Casanovas. Die haben eine bewegte Geschichte hinter sich und gelangten erst 2011 in den Besitz der französischen Kulturinstitution. In Casanovas literarischem Werk spiegelt sich sowohl sein abenteuerliches (Liebes-)Leben als auch die Entwicklung der gesamten Epoche. Die Unterzeile des Ausstellungstitels leitet sich dabei von folgendem Zitat ab: „Ich habe die Frauen bis zum Wahnsinn geliebt, aber ich habe ihnen stets meine Freiheit vorgezogen."
Der luxemburgische Künstler Michel Majerus wurde nur 35 Jahre alt. Er starb 2002 bei einem Flugzeugabsturz. Das Kunstmuseum Stuttgart widmet ihm jetzt noch bis zum 9. April eine große Werkschau und versammelt über hundert seiner teils überdimensionalen Gemälde und Installationen: "In seinen Arbeiten zitiert er Phänomene der Alltagskultur wie Computerspiele, Comics und Werbung ebenso wie das kunsthistorische Repertoire von Minimal Art und Pop Art. Mit dieser Samplingmethode, die verschiedene Bildelemente frei und unhierarisch kombiniert, hat er der Malerei neue wichtige Impulse gegeben." (Ausstellungstext)
"2005 führte eine eingehende Untersuchung des Werkes Das Kind und der Tod zu einer sensationellen Entdeckung: Röntgenaufnahmen zeigten, dass sich unter Munchs Gemälde eine weitere Leinwand mit einer bisher unbekannten Komposition des Künstlers befand. Das neu gefundene Ölbild Mädchen und drei Männerköpfe vereint zentrale Motive des symbolistischen Malers wie einen zarten Mädchenakt, lüstern blickende Fratzen und greifende Hände." (Ausstellungstext) Die Kunsthalle Bremen ordnet diesen Fund in das Gesamtschaffen von Edvard Munch ein und zeigt insgesamt 76 seiner Bilder, darunter 36 Gemälde sowie 40 Handzeichnungen und Druckgrafiken, als teils hochrangige Leihgaben verschiedener Institutionen. Eine Begleitausstellung unter dem Titel "Liebe, Angst und Tod in Werken von Edvard Munchs Zeitgenossen" präsentiert dagegen weitere 50 Werke von über 20 Künstlern. Die Ausstellung läuft noch bis zum 26.02.2012.
The ground beneath her feet: Mehr traurig-schönes Liebes- und Sozialdrama als melancholischer Kriminalfilm porträtiert Regisseur Wim Wenders einige verlorene Seelen in einem heruntergekommenen Hotel. Mit Milla Jovovich, Jeremy Davies als „Tom Tom", Mel Gibson und dem suggestiven Soundtrack von U2, inspiriert von einem Roman von Salman Rushdie. Let me love you true, let me rescue you... In der Nacht zu Montag.
Ebenfalls in der Nacht zu Montag philosophiert Moderator Raphaël Enthoven zusammen mit seinem Gast, der Dozentin Olivia Gazalé, über das Mysterium der Erotik. Erotik assoziieren sie mit dem Doppeldeutigen, Fantastischen und Geheimnisvollen und setzen dies - etwas klischeehaft - in den Gegensatz zur Pornographie: "Dabei wirft Raphaël Enthoven wie immer auch einen Blick in die Kunst- und Geistesgeschichte, zitiert werden berühmte Werke wie "Adam und Eva im Paradies" von Lucas Cranach, "Die Venus" von Botticelli oder auch Georges Batailles Schriften über die menschliche Erotik." (Arte-Text)
"Habe nun // ach! // Philosophie, Juristerei und Medizin // und leider auch Theologie! // durchaus studiert, mit heißem Bemühn. // Da steh' ich nun, ich armer Tor // und bin so klug als wie zuvor!..."So beginnt der Eröffnungsmonolog des berühmtesten Dichtwerks der deutschen Sprache, des Fausts von Johann Wolfgang von Goethe, das zahllose - und zeitlose - Motive in sich versammelt: die Sinnsuche nach den letzten Dingen, das Leiden an der Religion, der Pakt mit dem Teufel, der Wunsch nach ewiger Jugend, die Schaffung eines künstlichen Menschens, die Sehnsucht nach Liebe zwischen Sinnlichkeit und Gleichgültigkeit und vieles weitere mehr. Vielfältig sind seine Themen, noch vielfältiger die Deutungen, die dieses so imposante wie schillernde Sprachkunstwerk erfahren hat, von der Allegorie auf die herzlos-kalte Erkenntnissuche der rationalistischen Wissenschaft, über die Hybris der Religionskritik oder die prophetische Vorwegnahme der Abgründe und Katastrophen der deutschen Geschichte bis hin zu den ambivalenten Visionen der modernen Biotechnologie. Der heutige Zeitgenosse kennt dabei meist nur noch Bruchstücke und sinnentleerte Fragmente des Dramas, oft in Form von in die Alltagssprache abgesunkenen Redewendungen, Sprachbildern und Sprichwörtern, deren Herkunft nicht mehr bekannt ist oder gerade mal in Günther Jauchs Ratesendung kurzzeitig dem Vergessen geraubt wird à la "das ist des Pudels Kern", "faustischer Pakt", "zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust", "nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles", "der Worte sind genug gewechselt", "hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein", "grau ist alle Theorie", "Gefühl ist alles", "Namen sind Schall und Rauch", "mit Worten lässt sich trefflich streiten", "die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube" etc.pp.Das unzählige Male auf deutschen Bühnen gespielte Theaterdrama gilt mit seiner Sprachgewalt und seinen kunstvollen Versen naturgemäß als schwer verfilmbar, obwohl es schon einige Verfilmungen erlebt hat, oft allerdings nur als abgefilmtes Theaterstück. Der russische Regisseur Alexander Sokurow hat nun - als Abschluß einer Tetralogie über die Macht und das Böse mit Filmen über Hitler, Lenin und den japanischen Kaiser Hirohito - einen anderen Ansatz gewählt und damit die Kritiker zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Dies brachte ihm u.a. letztes Jahr den Golden Löwen bei den 68. Internationalen Filmfestspielen von Venedig ein. Sokurow übernahm nur das grobe Skelett der Handlung, legte den Schwerpunkt auf die Gretchentragödie, liess das ganze von deutschen Schauspielern in deutscher Sprache spielen (die aber nur ganz vereinzelt die Originalverse rezitieren) und fand dabei überzeugende und teils überaus faszinierende Bilder und Visualisierungen für zentrale Elemente des Stücks. Heraus kam eine äußerst eigenwillige aber in sich schlüssige Interpretation des Dramas, deren betörende Farbdramaturgie auch eine Hommage an die Murnau-Verfilmung von 1926 darstellt und deren Musik mit Anklängen an Wagner und Mahler die beschworene märchenhaft-surreale Atmosphäre kongenial unterstützt. Sokurow geht so einerseits sehr frei mit der literarischen Vorlage um und kann doch einem zeitgenössischen Publikum die tieferen Schichten des Stoffes aufschliessen und neu beleben bzw. das erstemal überhaupt nahe bringen..."Ach wenn in unsrer engen Zelle // Die Lampe freundlich wieder brennt, // Dann wird's in unserm Busen helle, // Im Herzen, das sich selber kennt. // Vernunft fängt wieder an zu sprechen // Und Hoffnung wieder an zu blühn; // Man sehnt sich nach des Lebens Bächen, // Ach! nach des Lebens Quelle hin."
Originaltitel: FaustRegie: Alexander SokurowLänge: 134 (min)Darsteller: Johannes Zeiler, Isolda Dychauk, Anton Adassinsky, Georg Friedrich, Hanna Schygulla...Produktionsort: RusslandProduktionsjahr: 2011Startdatum: 19.01.2012
London um 1880: Der Arzt Dr. Robert Dalrymple massiert in seiner gut gehenden Praxis reichen Damen den Unterleib, um sie von ihren "hysterischen" Symptomen zu befreien. Wegen des großen Erfolges muß er einen jungen fortschrittlichen Kollegen einstellen, Dr. Mortimer Granville, der sich bald auch zu den beiden Töchtern seines Chefs hingezogen fühlt. Als Granville wegen einer Sehnenscheidenentzündung Probleme mit seiner Arbeit bekommt, wird dies zum Anlaß und Ausgangspunkt einer folgenreichen Erfindung...Was auf den ersten Blick klingt wie der Plot eines drittklassigen Pornos - "Herr Doktor, Herr Doktor, sie machen das ja sooo gut!" - entpuppt sich schnell als eine beschwingte Liebeskomödie vor ernstem geschichtlichem Hintergrund. US-Regisseurin Tanya Wexler gelang so mit ihrem dritten Film (nach 'Finding North' und 'Ball in the House') eine originelle Satire über die Erfindung des Vibrators, wobei sie weniger Wert auf historische Genauigkeit legte als auf eine hintersinnige Analyse des Viktorianismus mit den Mitteln des Unterhaltungskinos. Dabei wurde sie von einem ausgezeichneten Darstellerensemble unterstützt, allen voran Maggie Gyllenhaal als die ältere der beiden Arzttöchter, die schon in ihrer Titelrolle in der Sadomaso-Komödie 'Secretary' ein Faible für erotische oder ironisch-frivole Stoffe jenseits des Hollywood-Mainstreams bewiesen hat.Man mag es kaum glauben und auch wenn man weiß, daß der Film satirisch verfremdet, verdichtet und überhöht, so beruhen seine Kernaussagen über das damals akzeptierte Krankheitsbild der Hysterie und die Erfindung des Vibrators tatsächlich auf medizinischen und historischen Fakten! Genau genommen handelte es sich beim grotesken Puritanismus des 19. Jahrhunderts, der Frauen jegliches Lustempfinden absprach, um eine einzige folgenschwere Realsatire, der freilich eine jahrhundertealte Geschichte religiös geprägter Sexualmoral zu Grunde lag. Letztlich reichen auch die aufklärerischen Mittel von Humor und Satire kaum an den einstigen kollektiven Wahn heran, der primär natürlich nicht die im Film geschilderten komisch-absurden Verwicklungen auslöste sondern zu massenhaftem Beziehungselend und weiteren Leidenserfahrungen führte. (Wilhelm Reich nannte das Ausmass des resultierenden gesellschaftlichen Sexualdesasters dementsprechend und kaum pathetisch übertreibend "emotionale Pest".) Wenn man sich zudem klarmacht, daß uns von den viktorianischen Verhältnissen - die sowieso als dominierendes Moralregime weit ins 20. Jahrhundert hineinreichen - gerade einmal drei bis vier Generationen trennen, erklären sich sofort unzählige Streitpunkte und Konflikte, Rückschläge und Widersprüchlichkeiten jüngerer bzw. aktueller gesellschaftlicher Debatten um Erotik und Sexualität.Sehr interessant ist dabei auch die dialektische Rolle der modernen Medizin, wie sie der Film indirekt andeutet. Einerseits wird die Medizin zum Ausdruck des neuzeitlichen Rationalismus, der mit seiner grundlegenden Distanz zur Dimension der emotionalen Erfahrung zunächst ein unbewußtes Bündnis mit der christlich-puritanischen Sexual-, Frauen- und Körperfeindlichkeit des viktorianischen Zeitalters eingeht oder sogar auf die Spitze treibt. Ihre nüchterne Unvoreingenommenheit allerdings, im Verbund mit wissenschaftlichem Erkenntnisdrang, expliziter Religionskritik und engagierter Heilungsabsicht, führt schließlich jedoch zu einem fundamentalen Umschlag der geistigen Orientierung, bei der plötzlich die stärksten sexuellen Leidschaften und Empfindungen aber auch religiöse und andere moralische Tabus ins rationale Licht des öffentlichen Diskurses treten können. Dieser dialektische Umschlag ist natürlich vor allem mit dem Namen Sigmund Freuds verbunden, des Begründers der Psychoanalyse, der seine intellektuelle Karriere ja auch als Arzt begann, wobei die grundlegende Ambivalenz zwischen leidenschaftsloser Distanz und leidenschaftlicher Analyse den medizinischen Zugang zur Sexualität bis in die Gegenwart kennzeichnet...
Originaltitel: HysteriaRegie: Tanya WexlerLänge: 100 (min)Darsteller: Hugh Dancy, Maggie Gyllenhaal, Rupert Everett, Jonathan Pryce...Produktionsort: GroßbritannienProduktionsjahr: 2011Startdatum: 22.12.2011
Fashion talks, nicht nur am Einlaß zum KitKatClub sondern generell im Leben. Schon seit letztem Oktober und nur noch bis Ende Februar geht eine Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin dem innigen Zusammenhang von Mode, seelischem Habitus und sozialer Identität näher auf den Grund:"Bundfaltenhose oder zerschlissene Jeans, High Heels oder Flip Flops – mit der Überlegung „Was ziehe ich an?" stellen wir uns Tag für Tag zugleich die Frage „Wer möchte ich sein?". Denn noch bevor wir etwas sagen, hat unsere Kleidung schon für, über und vielleicht auch gegen uns gesprochen. Die Ausstellung FASHION TALKS beleuchtet den individuellen und kollektiven Umgang mit Mode sowie die Botschaften, die wir mit unserem Outfit transportieren.Wer bestimmt was „in" oder „out" ist? Wozu gibt es Uniformen? Was ist ein Emo? Welche Stylecodes gelten in Jugendszenen? Ob Karos, Abzeichen, Streetwear oder Tarnlook: auf rund 450 Quadratmetern nimmt die Schau alte und neue Modetrends genauer unter die Lupe." (Ausstellungstext)Die Ausstellung demonstriert dabei u.a. anhand der Herstellung und Verarbeitung einer Jeans, wie sich unterschiedliche Schnittmuster in soziale Codes verwandeln, sie erläutert Vermarktungsstrategien von Modekonzernen und Designern, wirft einen Blick in die Zukunft und präsentiert im monatlichen Wechsel die Arbeiten von jungen Modemachern, lässt die Besucher in verschiedenen Abteilungen selbst aktiv werden und veranschaulicht generell die tiefere Beziehung zwischen der Mode und dem allgemeinen Zeitgeschehen.Leipziger Str. 16, 10117 Berlin. Di 9-20 Uhr, Mi-Fr 9-17 Uhr, Sa-So 10-18 Uhr. Eintritt 3,00 Euro, ermässigt 1,50.
Der Arzt Magnus Hirschfeld (1868-1935) war einer der wichtigsten Sexualwissenschaftler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schon 1897 gründete er das "Wissenschaftlich-humanitäre Komittee" (WhK) in Berlin-Charlottenburg, das u.a. gegen den Paragraf 175 kämpfte und weltweit als die erste Organisation gilt, die sich gegen sexuelle Diskriminierung einsetzte. Sein 1919 eröffnetes Berliner Institut für Sexualwissenschaft, das sich ungefähr an der heutigen Stelle des Hauses der Kulturen der Welt befand, wurde dementsprechend zu einem führenden Zentrum auf dem Gebiet der Sexualforschung und der Sexualberatung. Hirschfelds Bücher und wissenschaftliche Untersuchungen markieren nicht nur einen frühen Meilenstein der Homosexuellenbewegung, er wandte sich in seinen Theorien insbesondere auch gegen den konventionellen Geschlechterdualismus, in dem er vielfältige Zwischenstufen, Sonder-, Misch- und Übergangsformen zwischen Mann und Frau postulierte, womit er die Vielfalt der sexuellen Lebensentwürfe der Gegenwart vorwegnahm. Mit seinem Namen verbindet sich außerdem die gerade gegründete "Bundesstiftung Magnus Hirschfeld", die sich der Erforschung der queeren Geschichte und Lebenswelten verschrieben hat.Das Schwule Museum Berlin erinnert nun an den von den Nationalsozialisten vertriebenen jüdischen Pionier der Sexualwissenschaft und präsentiert seit dem 6. Dezember in den Räumen der Dauerausstellung Bücher, Dokumente und weitere Objekte aus dem Leben Magnus Hirschfelds wie z.B. Fotos aus Indien, Geschirr aus Berlin, ein Reisepass aus dem Jahr 1928 und vieles andere mehr:"Die Ausstellung zeigt beispielhaft Stücke aus drei größeren Konvoluten, die die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in den vergangenen zehn Jahren geschenkt erhielt bzw. erwerben konnte: Der erste Teil stammt aus dem Nachlass von Li Shiu Tong (1907–1993), Hirschfelds letztem Freund. (...) Das zweite Konvolut stammt aus dem Nachlass von Ernst Maass (1914–1975), einem Großneffen Hirschfelds. (...) Einen dritten Schwerpunkt der Ausstellung bilden Gegenstände aus dem Besitz von Adelheid Schulz (1909–2008). Frau Schulz war von 1928 bis 1933 in der Hauswirtschaft des Instituts für Sexualwissenschaft tätig und bei dessen Plünderung am 6. Mai 1933 zugegen. Sie hat aus der Zeit ihrer Tätigkeit im Institut viele Briefe und Fotos bewahrt und auch einige Geschirrteile vor dem Zugriff der Nazis retten können." (Ausstellungstext)Mehringdamm 61, 10961 Berlin. Täglich 14-18 Uhr, Sa bis 19 Uhr, Di geschlossen. Eintritt 5,00 Euro, ermässigt 3,00.
Selbst heute noch scheinen Orgasmusprobleme von Frauen endemisch zu sein. Falls entsprechende Umfragen, Statistiken und Auskünfte von Sexualwissenschaftlern nicht trügen oder auf medial verstärkter selektiver Wahrnehmung bzw. Legendenbildung beruhen, stellt sich die grundsätzliche Frage, warum "der kleine Tod" für Frauen bedrohlicher sein soll als für Männer. Liegt es an einer anderen Biologie, also an körperlichen bzw. genetischen oder physiologischen Faktoren? Haben Frauen daher aus natürlichen Gründen weniger Lust auf Sex? Oder führt die weibliche Biologie "nur" zu einer gegenüber der des Mannes verzögerten Erregungskurve? Kommen Männer also "zu früh"? Wirken archaische Ängste von Tausenden von Generationen nach bezüglich der existentiellen Risiken von Schwangerschaften? Sind Frauen generell ängstlicher und haben dadurch mehr Probleme mit dem lustvollen Kontrollverlust? Geben sie dem Sex allgemein und dem Orgasmus speziell eine zu geringe Bedeutung oder Aufmerksamkeit, reden sie zuwenig darüber, sind sie weniger in ihrem Körper verwurzelt? Ist Jahrtausende alte männliche Unterdrückung Schuld? Sind Männer zu unsensibel oder ungeschickt? Liegt es an den Folgen traditionell religiöser Prägung, weiblicher Sozialisation und weiblicher Rollenmodelle oder ähnlichen soziokulturellen Faktoren?? Oder ist es die Folge von übermässigem Konsum von Liebesromanen und kitschig-romantischer Vorabendserien, die den sexuellen Akt ätherisch verklären - Saxofon-Musik! - und damit völlig entkörperlichen???...Fragen über Fragen, die an dieser Stelle offen bleiben müssen, es darf aber vermutet werden, daß eine komplizierte Mischung aus biologischen, kulturellen und individualpsychologischen Ursachen vorliegt. Sicher ist aber, daß die in diesem Band aus dem Taschen-Verlag abgebildeten Frauen genau wissen, wie sich ein Orgasmus anfühlt, denn Fotograph Will Santillo hat sie alle just in jenem Moment abgelichtet, als sie ihren durch Masturbation ausgelösten Höhepunkt erreichten! "Wenn der Orgasmus der kleine Tod ist, ist dann Masturbation der kleine Selbstmord?" lautet dazu die geistreiche Eingangsfrage auf der Verlagshomepage, die indirekt auch eine gängige sexualtherapeutische Einstiegsstrategie bei weiblicher Anorgasmie - nämlich die systematische Erforschung der eigenen Körperreaktionen, das Hineinsteigern in erotische Phantasien und die gezielte Einübung der Selbstbefriedigung - mit einem überraschenden Zusatzakzent versieht.Der Bildband mit den Schwarzweiß-Fotos versammelt dabei ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Frauentypen: "junge und alte, dünne und dicke, makellos schöne und solche, die sich erst durch sein Objektiv betrachtet als schön entpuppten." (Verlagstext) Ergänzt werden die Bilder durch Interviews, die Herausgeberin Dian Hanson ('The Big Penis Book' etc.) mit 37 Frauen führte und in denen dem Leser Einblicke in intime Gefühlswelten gewährt werden: "Die Porträtierten sprechen offen darüber, wie sie ihre Hemmungen überwanden und ihrer exhibitionistischen Seite freien Lauf ließen, um vor einem Fremden mit Kamera zum Höhepunkt zu kommen." Für Fotograph Santillo ist die Masturbation in gewisser Weise ein intimerer Akt als andere Sexspielarten, da sie normalerweise im höchst privaten Rahmen stattfindet. Er betrachtete es daher als besondere Herausforderung, diese Intimität und die Schönheit des Geschehens fotographisch einzufangen: "Santillo wollte das verborgene Antlitz seiner Modelle zeigen. Und tatsächlich sind es die Gesichter, die in diesen kunstvollen Fotos die Intensität der Gefühle am eindrucksvollsten widerspiegeln."Taschen-Verlag, Hardcover 20,4 x 28,9 cm, 208 Seiten, mehrsprachig, April 2011, 29,90 Euro.
Helmut Newton gilt als einer der einflussreichsten - aber auch umstrittensten - Mode- und Erotikfotographen des 20. Jahrhunderts. Der 1920 geborene Australier deutsch-jüdischer Herkunft kam im Januar 2004 bei einem Autounfall in Los Angeles ums Leben. Noch zu Lebzeiten gründete er die Helmut Newton Stiftung, die sich in wechselnden Ausstellungen im Berliner Museum für Fotographie in der Jebenstrasse direkt hinter dem Bahnhof Zoo seit Juni 2004 kontinuierlich seinem Werk und seinem künstlerischen Vermächtnis widmet.Helmut Newton hat lange Zeit auch für den Stern Titelbilder und Fotostrecken gestaltet. Diese Arbeit war insbesondere in den 70er-Jahren stilprägend und etwas besonderes, da der Stern damals die erste und einzige große Zeitschrift war, die seine Bilder druckte. Dementsprechend schwärmen Mitarbeiter des Magazins heute noch von dieser Zusammenarbeit. Seit Anfang März 2011 ist nun Ausgabe 63 der Edition stern Fotographie im Handel erhältlich, in der Highlights aus dieser langjährigen Kooperation versammelt sind! Auf über 90 Seiten findet man dort rund 60 Farb- und Schwarz-Weiß-Aufnahmen, bei denen es sich teilweise um anderweitig bislang unveröffentlichtes Material handelt. (Mit Klick auf den Titel gelangt man zu einer Bildergalerie auf Stern-Online, die eine kleine Auswahl dieser Arbeiten präsentiert.) Außerdem führt eine ausführliche Einleitung zweisprachig in deutsch und englisch zu Hintergründen und zur Entstehungsgeschichte der ausgewählten Bilder ein.Aktuelle Presseberichte weisen darauf hin, daß die stern Fotographie Editionen einen hohen Sammlerwert besitzen und daher in der Vergangenheit oft schnell vergriffen waren. Wer sich also stärker für die Mode- und Kulturgeschichte bzw. für die Geschichte der erotischen Fotographie interessiert, sollte daher mit dem Kauf nicht zu lange warten. Im Gegensatz zu Newtons legendärer und ultimativer 'Sumo'-Kunstmonographie - "dem teuersten Buch des 20. Jahrhunderts" - die selbst in der verkleinerten Volksausgabe des Taschen-Verlags noch 100,00 Euro kostet, ist der Stern-Sonderband immerhin auch deutlich erschwinglicher.Teneues Verlag, 96 Seiten, Großformat, gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.
Lesezeichen setzen (Bookmarken) bei...
Netzware von Andreas Wittich