"If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it truly is, infinite". Anlässlich der neuen Dokumentation über die Doors, die seit dem 1. Juli 2010 in den Kinos läuft, hier eine kleine Auswahl von YouTube-Links mit Stücken der Sixties-Kultband, schwerpunktmässig als Techno-/Trance-Bearbeitungen:
Faces come out of the rain...When you're strange... No one remembers your name...(Meave de Tria's Alternative Mix)
You know the day destroys the night...Night divides the day...Tried to run, Tried to hide...Break on through to the other side!...(DJ Swamp Remix)
You know that it will be untrue...You know that I will be a liar...If I was to say to you...Girl, we couldn't get mucht higher...(Hot Rocks Club Remix)
Once I had, a little game...I liked to crawl, back into my brain...I think you know, the game I mean...I mean the game, called "go insane"...(Daytona Team y Senmove featuring Jim Morrison)
Not to see the sun...nothing left to do,but run, run, run...(Unlock the Doors, Remix by DJ Paul Edge)
...my only friend, the end...I'll never look into your eyes...Again...(Dirty South Remix)
Jim Morrison, der Leadsänger der Doors, sah sich in erster Linie mehr als Dichter denn als Musiker. Nach seinem Tod unterlegte der Rest der Band Gedichtrezitationen von ihm mit neu komponierter Musik auf dem Album 'An American Prayer'. (Electro House-Mix by Mory Yacel)
Riders on the storm...Into this house we're born...Into this world we're thrown...(Chill Out Remix)
Hier das Stück, aus dessen Text sich der Titel zur neuen Doors-Dokumentation ableitet, noch einmal, aber in der Symphonic Version von Stargeiger Nigel Kennedy.
Willkommen im Magischen Theater: Eintritt nur für Verrückte! Oliver Stones Musik-Drama von 1991 über die Kultrockband der 60er öffnet die Pforten der Wahrnehmung und entführt in ein ganz eigenes Spiegelkabinett seelischer Abgründe und geheimer Obsessionen. Mit einem überragenden Val Kilmer als Jim Morrison, der hier als Dionysos der Pop-Kultur inszeniert wird, als altgriechischer Gott des Weines, des Festes, der rauschhaften Ekstase.
"Pünktlich zum Bundesstart von "Schwarze Schafe" geht die Schafe-Crew auf eine Tour durch Deutschland. Es erwarten euch verruchte Schafe-Parties mit allerlei Überraschungen und in drei Städten werden wir auch auf unseren Freund King Khan und seine Shrines treffen, die auf der Bühne stehen, während wir mit euch dazu feiern !"Dates findet Ihr unter "Schwarze Schafe ON TOUR"
Witzig, dass es jetzt einen Film über die Dead Chickens gibt ... kennengelernt haben wir sie 1994 über Falk Richwien, der damals das XXX-Xtrem im 3.Jahr veranstaltete und uns für eine Performance engagiert hatte. Diese nannten wir "When the beauties meet the beast". Daraus entstand dann auch unsere 1. große Party zur XXX-Xtreme, im Anschluß an unser Exil im Vereinheim.Zur Wiedereröffnung in der Turbine, eine Woche später, stellten die Dead Chickens verschiedene ihrer Objekte bei uns aus.
Dominic "Dom" Cobb besitzt eine ungewöhnliche Gabe: Er kann sich in die Träume von anderen Menschen einklinken und ihre Trauminhalte mitverfolgen. Normalerweise benutzt er diese Fähigkeit nur zur Wirtschaftsspionage, doch als er eines Tages des Mordes an seiner Frau beschuldigt wird, soll er das Unterbewußtsein einer bestimmten Person gezielt manipulieren...Surreale Räume, verzerrte Blickwinkel, veränderte Perspektiven: 'Inception' nutzt virtuos die formalen Mittel des Kinos und des Science Fiction-Action-Genres und schickt die Zuschauer auf einen grandiosen visuellen Trip, erzählt gleichzeitig aber auch eine intelligente Geschichte. Was ist real, was ist (Wunsch- oder Alp-)Traum, was ist Wirklichkeit überhaupt, im philosophischen oder existentiellen Sinne? Schon der Titel ist vieldeutig und lässt sich nur schwer ins Deutsche übersetzen: steht er hier für Einführung oder Eingebung, Begründung oder Einpflanzung? Die teils atemberaubenden Special Effects sind dabei der Story untergeordnet, die auf verschiedenen ineinander verschachtelten Ebenen entwickelt wird, und kein reiner Selbstzweck wie in so vielen anderen zeitgenössischen Hollywood-Blockbustern. Regisseur Christopher Nolan hat zehn Jahre auf diesen Film hingearbeitet und besass nach dem Riesenerfolg von 'The Dark Knight' Narrenfreiheit bei seinen Geldgebern für ein Projekt jenseits konventioneller Stoffe, üblicher Dramaturgien oder Mainstream-Erwartungen. Sein Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio dagegen entfernt sich mit jeder neuen Rolle immer weiter vom eher ungeliebten Image des romantischen jungen Liebhabers aus 'Titanic' und überzeugt auch hier wieder als ernsthafter Schauspieler (wie z.B. schon in 'Gangs of New York', 'Departed' oder zuletzt in 'Shutter Island').'Inception' wird von seiner Thematik her öfters mit der Matrix-Triologie verglichen oder auch mit Spielbergs 'Minority Report', während andere sich auf Grund der visuellen Ästhetik sogar an Kubricks '2001 - Odysee im Weltall' erinnert fühlen! Ist er also tatsächlich einer der besten drei Filme aller Zeiten, wie manche Kritiker schon jubeln oder gilt doch eher, was Rüdiger Suchsland in seiner Telepolis-Online-Besprechung schrieb: "Ob das alles wirklich Sinn ergibt? Ob das Konstrukt wenigstens innerhalb der Filmlogik aufgeht? Das kümmert nicht, solange die Bilder bezaubern und fesseln." Diese Bilder schaut man sich am besten wohl auf der großen Leinwand an, denn für die große Leinwand sind sie auch gemacht...
Originaltitel: InceptionRegie: Christopher NolanLänge: 148 (min)Darsteller: Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Marion Cotillard, Michael Caine...Produktionsort: USAProduktionsjahr: 2010Startdatum: 29.07.2010
Die Welt im Jahre 2092: Der 120-jährige Nemo Nobody ist der letzte sterbliche Mensch in einer Welt, die das Geheimnis der ewigen Jugend entdeckt hat. Seine Todesstunden werden von Wissenschaftlern beobachtet und von Kameras auf große Leinwände übertragen. Als sich ein Journalist zu ihm schleicht, um ihn über sein Leben zu befragen, fängt Nobody an zu erzählen..."Ein Mann ohne Eigenschaften... aber er hat sie ALLE!" heißt es an einer Stelle von Robert Musils berühmtem aber weithin ungelesenem Jahrhundertroman 'Der Mann ohne Eigenschaften', um den dialektischen Umschlag jener Identitätseskalationen auf den Punkt zu bringen, wenn sich ein Mensch nicht mehr auf ein-eindeutige Charaktermerkmale festlegen lassen will. Der Mann "ohne Eigenschaften" wird darin als ein Mensch beschrieben, der den Möglichkeitssinn über den Wirklichkeitssinn stellt, also die dynamische Potentialität möglicher Entwicklungen und visionärer Zukünfte über den engen Käfig einer vorgegebenen und starren Wirklichkeit. 'Mr. Nobody' des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael ('Toto, der Held', 'Am achten Tag') erscheint beinahe wie eine filmische Illustration zum Kernthema von Musils Werk, wenn er ein vielfältig-komplexes Netzwerk möglicher Vergangenheiten, Zukünfte und Identitätsentwürfe im Leben seines Protagonisten aufspannt. Denn Van Dormael lässt seinen Helden im Rückblick nicht nur ein sondern mehrere ja viele Leben leben angesichts unterschiedlicher Entscheidungsmöglichkeiten an bestimmten Stationen von Nobodys Biographie. 'Mr. Nobody' muß man nur von seiner Ausgangskonstellation und Rahmenhandlung her dem Science Fiction-Genre zuordnen, während es sich im Kern mehr um eine romantische Liebesgeschichte bzw. um ein berührendes Seelendrama handelt, das auch die formalen Möglichkeiten der Gattung Film auslotet. Die Hauptfigur ist auf der Suche nach dem tieferen Sinn, nach kohärenter Geschlossenheit, nach Bedeutung im Leben, wobei die angebotene Antwort des Filmemachers eher etwas konventionell ausfällt. Diese Antwort findet sich auch in Musils Roman (der passenderweise unvollendet geblieben ist), freilich in einer unerhört zugespitzten Form, die an dieser Stelle nicht weiter charakterisiert werden muß und im Buch u.a. unter dem Begriff "der andere Zustand" firmiert: "Die Menschen haben keine Ahnung, wie man schon denken kann; wenn man sie neu denken lehren könnte, würden sie auch anders leben." (Kapitel 11) Es könnte sein, daß all die berauschenden ästhetischen Möglichkeiten auch des anspruchsvolleren Kinos doch noch hinter den erkenntnisfördernden Mitteln großer Literatur zurückbleiben...
Originaltitel: Mr. NobodyRegie: Jaco Van DormaelLänge: 138 (min)Darsteller: Jared Leto, Sarah Polley, Toby Regbo...Produktionsort: Belgien/Deutschland/Frankreich/KanadaProduktionsjahr: 2009Startdatum: 8.7.2010
Der Ort: eine heruntergekommene Berliner Altbauwohnung. Die Personen: zwei junge Schauspieler und eine Regisseurin. Das Projekt: ein Erotikfilm jenseits konventioneller Dramaturgie und Ästhetik. Die Herausforderung: so realistisch und authentisch wie möglich. Das Problem: "Gibt es überhaupt sowas wie eine ungesteuerte Lust, einen nicht-inszenierten Sex, eine Erotik jenseits aller festgelegten Spielanleitungen?" (Spiegel-Online)...'Bedways' lässt sich keiner eindeutigen Kategorie zuordnen. Die hardcoremässig-expliziten Sexszenen lassen manche Kritiker vom "Arthaus-Porno" sprechen, vergrübelte Dialoge und Foucault-Zitate evozieren einen philosophischen Filmessay, partielle Sprachlosigkeit, Humorlosigkeit und spannungsgeladene Konflikte zwischen den Akteuren verweisen dagegen auf ein typisches Erotikdrama. Regisseur, Autor und Produzent RP Kahl, der auch schon mit Filmemacher Oskar Roehler zusammengearbeitet hat - dem Regisseur der Houellebecq-Verfilmung 'Elementarteilchen' - konnte diesen Film nur durch eigene Geldmittel realisieren. Einerseits überzeugt er mit seiner formalen Radikalität und den damit verbundenen Grenzüberschreitungen, wobei insbesondere das Film-im-Film-Prinzip zu erhellenden Einsichten über das Verhältnis von Nähe und Distanz führt. Andererseits wirkt die ganze Versuchsanordnung streckenweise doch ziemlich schwermütig und intellektuell angestrengt, wie ein abgefilmtes experimentelles Theaterstück. Es fehlt die Freude, die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit und damit eben - paradoxerweise - die Lust aller Beteiligten, wobei sexuelle Lust ohne allgemeine Lebenslust nicht oder nur noch eingeschränkt bzw. beschädigt zu haben ist.Die konventionelle Pornozensur bleibt damit indirekt an allen Ecken und Enden zu spüren, nicht mehr - immerhin - auf der Ebene der Bilder und realitätsnaher Handlungen aber um so mehr auf der atmosphärischen und psychologischen Ebene des zwischenmenschlichen Umgangs. Eine angemessenere Pornographiedefinition jenseits bloß oberflächlich-anatomischer Kriterien würde die sexuelle Erregung und deren künstlerische Stimulation ins Zentrum stellen: keinen Kriminalfall (wie im Genre Erotikthriller), keine humoristischen Konstellationen (wie im Genre Sexkomödie) und auch keine Ehe- oder Beziehungsprobleme bzw. die herrschende Rundumentfremdung in sozialer, politischer oder philosophisch-religiöser Perspektive (wie eben im Genre Erotikdrama), wo Sexualität nur noch als Beispiel und Spiegel allgemeinerer Verhältnisse fungiert. Die immer noch vorherrschende Generalabwertung des pornographischen Genres als prinzipiell künstlerisch minderwertig, politisch fragwürdig und moralisch zweifelhaft, unabhängig von der je konkreten inhaltlichen und formalen Umsetzung, spricht daher Bände über den wirklich erreichten Stand sexueller Emanzipation. Ein Film wie 'Bedways', dem bei der lustvollen Überschreitung eines solchen "Dispositivs" unterwegs die Lust ausgeht, taugt dafür leider nur bedingt als Gegenbeispiel.
Originaltitel: BedwaysRegie: RP KahlLänge: 78 (min)Darsteller: Miriam Mayet, Lana Cooper, Matthias Faust...Produktionsort: DeutschlandProduktionsjahr: 2010Startdatum: 03.06.2010
Robin Hood wäre normalerweise kein Stoff oder Genre, das an dieser Stelle größere Aufmerksamkeit verdiente, wenn nicht, ja wenn nicht der Regisseur Ridley Scott hieße, der Schöpfer so unterschiedlicher Werke wie 'Alien', 'Blade Runner' oder 'Thelma & Louise' bzw. von historischen Abenteuerfilmen mit tieferer Bedeutungsebene wie 'Gladiator' und insbesondere 'Königreich der Himmel' aus dem Jahr 2005. Als Garant für anspruchsvolleres Unterhaltungskino kann er jetzt auch dem Robin Hood-Mythos seinen ganz eigenen Stempel aufdrücken.Die Story: Auf dem Rückweg vom Dritten Kreuzzug im 12. Jahrhundert stirbt der englische König Richard Löwenherz beim Versuch, eine französische Festung zu erobern. Robin Longstride, ein charismatischer und beliebter Soldat aus der Armee des Königs, bringt die Krone zurück nach England und übergibt sie Richards Mutter, die ihren jüngsten Sohn John zum König ernennt. Schon bald muß er allerdings feststellen, daß sich unter König John Ausbeutung, Korruption und gewalttätige Unterdrückung ausbreiten. Als er sich Bestrebungen anschließt, die den verschiedenen Machenschaften und politischen Intrigen Einhalt gebieten sollen, erhält er auch die Unterstützung einer jungen und unkonventionellen Adeligen...Ridley Scott inszeniert eine fiktive Vorgeschichte zur Robin Hood-Legende, in der sich historisch belegte Ereignisse und reale Personen mit mythologisch überhöhten Elementen mischen. Mit gewohnt großem technischen Aufwand und in einer bestechenden Bildästhetik zeichnet er so ein ungewohnt vielschichtiges, modernisiertes und streckenweise etwas düsteres Bild des Titelhelden und kann damit die archetypische Symbolfigur zu neuem Leben erwecken. Ganz ähnlich wie in 'Königreich der Himmel' werden dabei historische Geschehnisse zum fernen politischen Spiegel, um eine zugleich zeitlose wie gegenwartsbezogene Geschichte um Machtmissbrauch und Widerstand, um Mut und Gerechtigkeit zu erzählen. An der Seite verschiedener anderer Stars zeigt Russell Crowe - Hauptdarsteller schon in 'Gladiator' - eine starke Leistung in der Rolle des Titelhelden, während Cate Blanchett als Lady Marion überraschenderweise nur ansatzweise überzeugt. Unterm Strich ist Ridley Scott so ein reflexionsgesättigtes Abenteuerepos für breite Zuschauerschichten gelungen, auch wenn einzelne Stimmen das Gelingen des Brückenschlags zwischen Unterhaltung und Anspruch in Frage stellen. Solange die gleichen Rezensenten, Publikationen oder Online-Plattformen die schrägsten Trashwerke wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Symbolbezüge zur sozialen Realität goutieren, wirken solche aufgesetzt-kritischen Einschätzungen eines Top-Produkts des cinematographischen Mainstreams allerdings etwas stereotyp wenn nicht geradezu kurios.
Originaltitel: Robin HoodRegie: Ridley ScottLänge: 148 (min)Darsteller: Russell Crowe, Cate Blanchett, Mark Strong, William Hurt...Produktionsort: USA/EnglandProduktionsjahr: 2009Startdatum: 13.05.2010
Das viktorianische England im 19. Jahrhundert: Der junge und attraktive Dorian Gray kommt nach London und steht dem Maler Basil Hallward Modell. Im Salon von Lord Henry Wotton wird er in dessen ausschweifenden Lebensstil eingeführt. Als sein Porträt fertig ist und er sich spontan wünscht, er möge für immer so jugendlich schön bleiben, scheint dieser Wunsch auf zugleich geheimnisvolle wie grausige Weise in Erfüllung zu gehen...Der berühmte und einzige Roman von Oscar Wilde wurde in der Vergangenheit schon oft verfilmt, ohne daß es eine der Produktionen bislang gelungen wäre, der vielschichtigen literarischen Vorlage wirklich gerecht zu werden. Auch die Edeltrash-Version von Regisseur Oliver Parker ('From Hell') konzentriert sich mehr auf die plakativen Schauwerte der Rahmenhandlung und ist explizit auf den Mainstream der jungen Kinogänger unter 20 ausgerichtet, wie er im Interview bekannte. So steht also der Gruselaspekt und Teufelspakt der Story im Vordergrund, in dem eine schnell geschnittene Ausstattungsorgie mit Horrorelementen und einigen Sexszenen angereichert wurde, die allerdings auch nicht so freizügig sind, daß die Jugendfreigabe gefährdet war. Teenieschwarm Ben Barnes in der Titelrolle bleibt dabei eher etwas blass, während vor allem Colin Firth als Lord Wotton aber auch Rebecca Hall als dessen (im Roman nicht existierende) Tochter und Ben Chaplin als Maler Basil Hallward überzeugen können. Eine oberflächliche aber weit verbreitete Form von kritischer Rezeption interpretiert 'Das Bildnis des Dorian Gray' regelmässig als literarische Metapher für narzisstischen Jugendwahn, während die damit gewöhnlich einhergehende Moralisierung in Wirklichkeit nichts anderes ist als die banale Identifikation mit dem Aggressor Vergänglichkeit. Denn: ein solches Bild gibt es nicht! Es sind die Bilder und Kunstwerke, die (relativ) unvergänglich bleiben, während der menschliche Körper altert, und es sind die alternden und höchst sterblichen Menschen, die all diese grausigen Dinge begehen, von denen der Roman erzählt und von denen die Geschichtsbücher und die täglichen Nachrichten voll sind. Etwas weniger allgemein bekannt ist dagegen die Tatsache, daß das Buch eine ganze explizite Philosophie des Hedonismus enthält, die allerdings teils ironisch gebrochen, teils im Kontext der düsteren Handlung angesiedelt ist und von einem hochambivalenten Charakter vertreten wird. Man kann daher nicht ohne weiteres von der Stimme einer fiktiven Figur auf die tatsächliche Meinung des Autors zurückschliessen, obwohl viele Äußerungen und der Lebenswandel von Oscar Wilde andeuten, wo seine wahren Überzeugungen und Sympathien gelegen haben. Beim Roman handelt es sich zweifellos um ein Stück Weltliteratur und die aktuelle Verfilmung gibt zumindest Anlass, wieder einmal - oder vielleicht zum erstenmal - das Buch zu lesen. Aber Vorsicht: es existieren nicht nur eine ganze Reihe qualitativ höchst unterschiedlicher Übersetzungen sondern auch verschiedene Versionen vom Autor selbst, der insbesondere die homoerotischen Aspekte der Geschichte einer strengen Selbstzensur unterwarf. Bekannter und verbreiteter ist daher die entschärfte und klar heterosexuell akzentuierte Version, wie sie auch der Verfilmung von Oliver Parker zu Grunde liegt. Oscar Wilde selbst hat dieser Versuch der literarischen Selbstdistanzierung nichts mehr genützt, denn 'Das Bildnis des Dorian Gray' gehörte zu den zentralen Belastungsstücken im Prozeß um sein "unzüchtiges Verhalten", an dessen Folgen er schließlich im Alter von nur 46 Jahren verstarb.
Originaltitel: Dorian GrayRegie: Oliver ParkerLänge: 112 (min)Darsteller: Ben Barnes, Colin Firth, Rebecca Hall...Produktionsort: GroßbritannienProduktionsjahr: 2009Startdatum: 15.04.2010
Energie ist das Lebenselixier der modernen Zivilisation, dementsprechend dreht sich ein beträchtlicher Teil der großen Politik um die Sicherung bzw. die politischen, ökonomischen und ökologischen Auswirkungen unserer Energieversorgung. Die anhaltende Atomdebatte, das Auf und Ab des Ölpreises, Nahost-Konflikt und Irak-Krieg, der Klimawandel und weiteres mehr verdeutlichen nachdrücklich diesen grundlegenden Zusammenhang. Die jetzt in die Kinos gekommene Dokumentation 'Die 4. Revolution' beschwört die Vision einer Gesellschaft, die ihren Energiebedarf zu 100% aus erneuerbaren und dezentral produzierten Quellen deckt, damit unabhängig oder eben "autonom" wird sowohl von fossilen Energieträgern als auch von multinationationalen Großkonzernen und ausländischen Energielieferanten. Nach der Agrarischen, der Industriellen und der Digitalen wäre die globale Energiewende, die mit einer kompletten Veränderung unserer wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse einhergehen müsste, daher die 4. Revolution in der neueren Technologiegeschichte.Der Film macht mit einer ganzen Reihe von Experten, Vorreitern und Visionären bekannt, die als Fürsprecher für diese Energiewende auftreten bzw. Projekten vorstehen, in denen längst schon wichtige Schritte zu einer dezentralen Energieversorgung praktisch verwirklicht wurden. So sieht man beispielsweise den SPD-Politiker und Träger des alternativen Nobelpreises Hermann Scheer, auf dessen Buch 'Energieautonomie' wesentliche Teile des ganzen Filmprojekts beruhen. Preben Maegaard demonstriert, wie auf einer dänischen Insel mit 50000 Einwohnern die Energie komplett aus erneuerbaren Quellen bereitgestellt wird. Zhengrong Shi, der Geschäftsführer des chinesischen Weltmarktführers für Solarmodule, reflektiert die Konsequenzen einer Energierevolution für das bevölkerungsreichste Land der Erde. Ein spanisches Solarkraftwerk wird vorgestellt, eine afrikanische Ölfruchtinitiative, eine Solarfirma in Bangladesch, die monatlich 8000 Solaranlagen überwiegend von Frauen installieren lässt und die damit eine neue Lebensgrundlage bekommen und weiteres mehr. Bei all dem kommt aber immer wieder auch die Gegenseite in Gestalt des Chefökonomen der Internationalen Energieagentur Fatih Birol zu Wort, der für den weiteren Bau von Kohlekraftwerken und den massiven Ausbau der Kernenergie plädiert.Der Film unterscheidet sich in seiner Entstehungsgeschichte von vergleichbaren Dokumentationen, da er durch eine Vielzahl von Spenden unabhängiger Organisationen, Unternehmen und unzähliger Einzelpersonen erst ermöglicht wurde. Er besticht am meisten, in dem er sich konstruktiv auf die längst vorhandenen technisch-praktischen Alternativen konzentriert und nicht zum x-ten Male nur apokalyptische Untergangsszenarien beschwört. Eine wirklich nachhaltige Gesamtentwicklung kann allerdings nicht von bloss technologischen Lösungen allein erreicht werden, sondern sie muß auf einem umfassenden allgemeinen Bewußtseinswandel aufbauen und auf politisch-ökonomische Umschwünge hinauslaufen. Partielle Teillösungen wie selbst eine grundlegend neue Energieversorgung ohne eine solch neue kollektive Grundausrichtung auf langfristige Sicherstellung unserer natürlichen Lebensgrundlagen provozieren dagegen alle möglichen Brüche, Ambivalenzen und längerfristigen Rückschläge. Verzichtet beispielsweise ein wachsender Teil der Bevölkerung auf einen eigenen PKW, findet der übrige Teil wieder leichter Parkplätze und steht weniger im Stau, verliert also tendenziell ein unmittelbares Problembewußtsein. Stoßen Motoren durch Katalysatoren nur noch 50% eines bestimmten Schadstoffes aus, wird diese Einsparung wieder ausgeglichen, wenn sich mit einem gestärkten Ökogewissen die Zahl der gefahrenen Kilometer verdoppelt. Abgesenkter Ölverbrauch streckt die vorhandenen Reserven und schiebt damit den Zeitpunkt des "Peak Oil" wieder etwas weiter in die Zukunft, sauberere Luft durch mehr Filteranlagen rettet vorerst die Wälder und straft vergangene Untergangsprognosen scheinbar Lügen, ein stärkeres Umweltbewußtsein in einem Teil der Welt wird durch steigende Bevölkerungszahlen oder steigenden Wohlstand in anderen Ländern wieder kompensiert usw. ("Rebound-Effekt"). Inwiefern daher kurzfristig denkende und prinzipiell endliche Individuen tatsächlich zu echter Nachhaltigkeit fähig sind, das bleibt auch nach diesem optimistisch stimmenden Film die große Frage.
Originaltitel: Die 4. Revolution - Energy AutonomyRegie: Carl-A. FechnerLänge: 82 (min)Produktionsort: DeutschlandProduktionsjahr: 2009Startdatum: 18.03.2010
Jeff Bridges hat es geschafft. Am 7. März erhielt der "am häufigsten unterschätzte" Schauspieler Hollywoods im fünften Anlauf endlich den Oscar für die beste männliche Hauptrolle, für seine Leistung als heruntergekommener Country-Musiker in dem Film 'Crazy Heart'. Erstmals für den Oscar nominiert wurde er bereits vor fast 40 Jahren für seine Rolle als desillussionierter Heranwachsender in Peter Bogdanovichs furiosem Jugenddrama 'Die letzte Vorstellung' von 1971. Seit dieser Zeit hat Bridges in den unterschiedlichsten Filmen und Genres mitgewirkt und dabei eine große Wandlungsfähigkeit bewiesen, nicht selten in Produktionen abseits des Hollywood-Mainstreams. Ob in Liebesgeschichten oder Tragikkomödien wie z.B. in 'Die fabelhaften Baker-Boys', 'The Door in the Floor' oder 'König der Fischer', in Science Fiction- oder Actionfilmen wie 'Tron', 'Explosiv' oder 'Arlington Road' oder in anspruchsvollen und berührenden Dramen wie 'White Squall', 'K-Pax' oder 'Fearless - Jenseits der Angst': Oft spielte er unkonventionelle, skurrile oder rebellische Charaktere und Außenseiter, die gerade durch ihre authentische, eigenwillige oder ambivalente Art nahegehen. Zum Star im klassischen Sinne, also zur Projektionsfläche naiver Sehnsüchte für das große Massenpublikum durch ein einfaches und wiedererkennbares Identifikationsangebot genannt "Image", wird man mit dieser Vita zwar nicht. Eine Art Star zumindest im Independent-Bereich ist er aber dennoch geworden mit seiner Rolle des so coolen wie phlegmatischen Dude in 'The Big Lebowski' aus dem Jahr 1998. Spätestens seit diesem Film ist Jeff Bridges Kult.'Crazy Heart' läuft seit dem 4. März in den deutschen Kinos. Zeitgleich startete auch die abgedrehte Satire 'Männer, die auf Ziegen starren' über eine im Kalten Krieg gegründete parapsychologische Einheit des US-Militärs, die auch noch im Irak-Krieg ihr Unwesen treibt. Jeff Bridges spielt darin den Ausbilder der verrückten Truppe, an der Seite von George Clooney, Kevin Spacey und Ewan McGregor. So unwahrscheinlich das klingt, aber eine solche parapsychologische Kampfeinheit hat es tatsächlich gegeben, wie man in der Buchvorlage von Jon Ronson nachlesen kann, die in Deutschland ursprünglich unter dem Titel 'Durch die Wand' erschienen ist. Darin liegt wahrscheinlich auch der tiefere Grund, warum der Kritiker des Berliner tip-Magazins schrieb, Zitat: "Die Wirklichkeit ist auf eine finstere Weise viel verrückter als die Spinner in diesem Film", aber ob das nun mehr gegen den originellen Film oder mehr gegen die düstere Wirklichkeit spricht, ließ er dabei offen.
Originaltitel: The Men Who Stare at GoatsRegie: Grant HeslovLänge: 93 (min)Darsteller: George Clooney, Jeff Bridges, Kevin Spacey, Ewan McGregror...Produktionsort: USAProduktionsjahr: 2009Startdatum: 04.03.09
New Orleans nach dem Hurrikan Katrina: Der drogensüchtige und korrupte Polizist Terence McDonagh wird auf den Drogendealer Big Fate angesetzt. Dabei überschreitet er nicht nur die Grenzen der Legalität sondern driftet auch zunehmend ab in seinen persönlichen Wahn...Adaption des Kult-Klassikers von Abel Ferrara aus dem Jahre 1992 und ungewöhnlicher Stoff für Regisseur Werner Herzog, der eben noch Jurypräsident auf der Berlinale gewesen ist. Der Filmemacher und ausgewiesene Autorenfilmer Herzog, der in der Vergangenheit durch Filme wie 'Aguirre, der Zorn Gottes', 'Fitzcarraldo' oder 'Cobra Verde' bzw. durch seine so produktive wie schwierige Zusammenarbeit mit Klaus Kinski bekannt und berühmt wurde, überrascht vor allem mit einer untypischen Genrewahl. Dabei kann er die Kritiker nur partiell überzeugen, denn während die einen Rezensenten bloß einen soliden Cop-Thriller sehen, der kaum an die abgründige und existentielle Tiefe des Originals heranreiche, gestehen andere ihm zumindest zu, daß er der Geschichte doch seinen eigenen Stempel habe aufgedrücken können. Hervorgehoben wird auch die Performance von Hauptdarsteller Nicolas Cage, der sein ausdrucksstarkes Gesicht zwar sonst vielen minderwertigen Hollywood-Produktionen leihe aber hier eine seiner besseren Leistungen abliefere.Durch die Verlagerung der Geschehnisse von New York ins verwüstete New Orleans wird die äußerliche Zerstörung zum etwas klischeehaften Symbol für den kulturellen und geistigen Niedergang, während sich im Original die Handlung noch vor dem äußerem Rahmen einer scheinbar funktionierenden Zivilisation entfaltete. Dies legte den Akzent stärker auf die seelisch-psychologischen Momente des Stoffes, wie sie sich auch im zerklüfteten Knautschgesicht von Abel Ferraras Hauptdarsteller Harvey Keitel kongenial widerspiegelten. Die Rückwendung nach Innen und virtuose Focussierung der subtileren psychologischen Spannungskonstellationen lässt sich auch in einem anderen und eher wenig beachteten Meisterwerk Ferraras studieren, in dem Madonna eine ihrer besten wenn nicht die beste schauspielerische Leistung zeigte. In 'Dangerous Game' (auch unter dem Titel 'Snake Eyes' veröffentlicht) von 1993 durchbrach er so das ambivalente Verhältnis von Schein und Sein, von konstruiertem Image und realer Persönlichkeit, indem die kunstvolle Verwandlung von seelisch-erotischen Leidenschaften und Obsessionen in ein flirrendes mediales Abziehbild eine kollektive Projektionsfläche hervorbringt, in der sich die Massen (nicht mehr) spiegeln können: die "Mother of Mirrors".
Originaltitel: Bad Lieutenant: Port of Call New OrleansRegie: Werner HerzogLänge: 122 (min)Darsteller: Nicolas Cage, Eva Mendes, Val Kilmer...Produktionsort: USAProduktionsjahr: 2009Startdatum: 25.02.2010
Filme mit schwullesbischen Stoffen und Motiven gehörten schon immer zur Tradition der Berlinale, selbst zu Zeiten, als Homosexualität noch starken gesellschaftlichen Anfeindungen oder sogar juristischen Sanktionen ausgesetzt war. Seit 1987 schon wird nun offiziell der Teddy Award verliehen, um den queeren Berlinale-Beiträgen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Teddy ist mit 3000 Euro dotiert und wird in drei Kategorien für den besten Spielfilm, den besten Dokumentarfilm und den besten Kurzfilm vergeben. Außerdem gibt es einen Special Teddy für die künstlerische Lebensleistung herausragender Persönlichkeiten. Diesen Ehren-Teddy erhält dieses Jahr der Filmemacher und Theaterregisseur Werner Schroeter.Aus der großen Fülle schwullesbischer Berlinale-Beiträge sei hier nur auf eine kleine Auswahl an Filmen hingewiesen. Im Wettbewerb laufen 'The Kids Are Alright' mit Julian Moore und Annette Bening als lesbisches Paar mit besonderen Erziehungsproblemen und das Biopic 'Howl' über den schwulen Dichter Allen Ginsberg. In der Panaroma-Abteilung sind u.a. die Komödie 'Mine vaganti' über die Probleme des Coming-out im heutigen Italien zu sehen, die Dokumentation 'Hazman Havarod (Gay Days)' zur jüngeren Geschichte der Gay-Rights-Movement in Israel oder das Drama 'L'arbre et la foret (Family Tree)' über ein Familienschicksal vor dem Hintergrund der Homosexuellenverfolgung in der Nazi-Zeit. Mit Spannung erwartet wird auch der vierte Teil aus der fucking different-Reihe, der diesmal das queere Leben in der brasilianischen Metropole Sao Paulo kaleidoskopartig ausbreitet. (Zu Teil 3, 'fucking different: Tel Aviv', siehe nebenstehenden DVD-Tip.) Die Zeremonie zur Verleihung des Teddy findet am 19. Februar statt, wird vom Fernsehsender Arte am Folgetag ausgestrahlt und Sonntag d. 21.2., 23 Uhr 30 vom RBB wiederholt. Das diesjährige Motto des Teddy Award stammt dagegen aus einem alten Song der Politanarcho-Rockband Ton Steine Scherben und lautet "Mein Name ist Mensch". Es verbindet sich damit eine Hommage an den 1996 verstorbenen Scherben-Sänger Rio Reiser, dessen wenig bekannte Homosexualität aktuell auch Gegenstand einer Ausstellung im Berliner Schwulen Museum ist, siehe unten, Ausstellungstips. Ein Klick auf den Titel führt u.a. zum Online-Auftritt der 'Siegessäule', dem schwullesbischen Berliner Stadtmagazin, das auch im KitKat ausliegt (gegenüber der Garderobe, wenn sie nicht schon vergriffen ist) und deren Februar-Ausgabe sich schwerpunktartig der Berlinale widmet. Darin findet man weitere Hinweise auf das queere Filmangebot, ein Interview mit dem Berlinale-Chef Dieter Kosslick, Porträts von Hanna Schygulla und Werner Schroeter, ein Bericht über den queeren Zuschauerpreis "Else" sowie ein Interview mit den beiden Produzenten des Teddy Award Elser Maxwell und Thomas Walz.
Ein Wette mit dem Teufel bringt einem Zirkusbesitzer die Unsterblichkeit. Ein weiterer Teufelspakt bedroht seine minderjährige Tochter. Eine neue Wette, ein geheimnisvoller Fremder und ein magisches Spiegelkabinett werden schließlich zum Ausgangspunkt für einen dramatischen Wettlauf gegen die Zeit - und einen eigentümlichen Kampf um die Seelen der Menschen...Nachdem seine letzten beiden Filme 'Brothers Grimm' und vor allem 'Tideland' bei Publikum und Kritik nur wenig Resonanz fanden, versucht Regisseur Terry Gilliam mit 'Das Kabinett des Dr. Parnassus' an seine älteren Erfolge wie 'Brazil' oder '12 Monkeys' anzuknüpfen. Seine ungewöhnliche und aufwändige Variation des Faust-Stoffes im Gewand des anspruchsvollen Unterhaltungskinos wird jetzt bei seinen eingefleischten Fans auf helle Begeisterung stossen und ist zumindest auf der visuellen Ebene bestechend. Bei der Kreation seiner teils märchenhaft-surrealistischen, teils alptraumartig-abgründigen Phantasielandschaften vertraute Gilliam dabei vor allem auf traditionelle Tricktechniken, die weitgehend mit Modellen arbeiten, anstatt auf modernere Methoden der computergenerierten Effekte. Inwieweit allerdings der normalere Zuschauer jenseits der Fangemeinde die überbordende - manche Kritiker nennen es "überladene" - Fülle an Regieeinfällen, skurilen Figuren, grotesken Situationen und verschlungenen Drehbuchwendungen goutieren und nachvollziehen kann, ist eine andere Frage.Die ganze Produktion stand unter einem schlechten Stern, da mit Heath Ledger einer der Hauptdarsteller während der (aber nicht bei den) Dreharbeiten im Januar 2008 starb und so das Projekt vorübergehend abgebrochen werden musste. Man entschloss sich schließlich doch noch, den Film fertig zu drehen, in dem man das Drehbuch umschrieb und die restlichen Passagen von Ledgers Figur durch Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell interpretieren ließ. Diese Aufsplittung seiner virtuellen Identität funktioniert im Gesamtkontext der phantastischen Handlung und surrealen Visionen einerseits ziemlich gut. Sollte 'Das Kabinett des Dr. Parnassus' allerdings längerfristig im kollektiven Kino-Gedächtnis primär als Heath Ledgers letzte Rolle in Erinnerung bleiben, der 2009 posthum für seine kongeniale Darstellung des Joker in 'The Dark Knight' mit dem Oscar als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde, müßte der Film letztlich doch als eher mißlungen gelten. Eine interessante Frage für Spezialisten oder Germanisten wäre es im übrigen, inwieweit das zentrale Motiv des Spiegelkabinetts vom Magischen Theater aus Hermann Hesses Roman 'Der Steppenwolf' beeinflusst ist, wie man ja auch schon 'Brazil' als satirisch zugespitzte Fantasy-Filmversion von Georg Orwells literarischer Anti-Utopie '1984' bezeichnet hat.
Originaltitel: The Imaginarium of Doctor ParnassusRegie: Terry GilliamLänge: 122 (min)Darsteller: Christopher Plummer, Heath Ledger, Lily Cole, Tom Waits...Produktionsort: GroßbritannienProduktionsjahr: 2008Startdatum: 07.01.2010
Nach mehreren Produktionen im europäischen Ausland spielt der neueste Film von Woody Allen wieder in New York und knüpft in Machart und Ton an seine großen Erfolge aus den späten 70er-Jahren an. Die Story: Der gescheiterte Physikprofessor und chronische Pessimist Boris Yellnikoff trifft auf die junge Ausreißerin Melody, die sich prompt in ihn verliebt. Die beiden heiraten sogar und scheinen eine glückliche Ehe zu führen, doch nach dem Besuch von Melodys konservativen Eltern kommt es bald zu einer ganzen Kette verwirrender Ereignisse...Wie so oft in den Filmen des US-Komikers bildet die Handlung mehr den losen Rahmen für eine schnelle Abfolge skuriler Situationen und pointierter Dialoge mit Allens Lieblingsthemen als da wären: Sex, Tod, Sinn des Lebens und den ganzen Rest, obwohl die verschiedenen Wendungen der Geschichte und insbesondere der überraschende Schluß zum satirischen Spannungsbogen integral dazugehören. Der Zyniker, Besserwisser und Misantroph Yellnikoff wird kongenial von Larry David verkörpert, dem 62-jährigen Autor der in den USA überaus populären "Seinfeld"-Sitcom, während sich Woody Allen selbst für die Rolle wohl schon etwas zu alt fühlte. Das Prinzip "älterer Intellektueller erklärt junger attraktiver Frau die Welt, das Leben und die Liebe" besitzt anscheinend doch gewisse Grenzen. Aus den alltäglichen Absurditäten des modernen Beziehungslebens eine zugleich so kurzweilige wie erkenntnisstiftende Angelegenheit zu machen, war dabei schon immer eine besondere Spezialität des New Yorker Großstadtneurotikers, wobei die schon erwähnten Anklänge an seine Filme aus den späten 70er Jahren auch insofern kein Wunder sind, da ein altes Drehbuch aus dieser Zeit als Vorlage diente. Im ZEIT-Interview - klick den Link! - deutete der Regisseur u.a. an, inwiefern "Whatever Works" auch seine Verarbeitung der US-amerikanischen Prüderie und insbesondere der US-Doppelmoral in Sachen Sex darstellt. Während die eine Kritikerfraktion nun Allens Rückkehr zu altem satirischem Biss feiert, finden andere Rezensenten das neueste Werk zu altersmilde bzw. die Härte des Sarkasmus zu gebremst, im Vergleich zu verschiedenen früheren Filmen wie etwa 'Harry außer sich', 'Anything Else' oder 'Verbrechen und andere Kleinigkeiten'. Letztere haben anscheinend nicht verstanden (oder nur allzugut), daß sich Allen hier in zynischer Weise über einen hartgesottenen Zyniker und damit in gewisser Weise auch über sich selbst lustig macht - ein spezielles dialektisches Verfahren des Minus mal Minus ergibt Plus, der Kritik des eigenen Kritikastertums, das sonst nur indische Mystiker hartgesottenen Atheisten anempfehlen, damit sie "doch noch" die Göttlichkeit der Existenz erfahren können. Der Film besitzt zwar eine zynisch-sarkastische Hauptfigur, ist dabei aber eben keineswegs schon selbst zynisch sondern ganz im Gegenteil von einer befreienden Heiterkeit. Dies hält natürlich gerade zynischen Filmkritikern einen besonderen Spiegel vor: "Wenn jeder rausfindet, was ihm gut tut, geht's allen besser." Whatever works.
Originaltitel: Whatever WorksRegie: Woody AllenLänge: 92 (min)Darsteller: Larry David, Evan Rachel Wood...Produktionsort: USAProduktionsjahr: 2008Startdatum: 03.12.09
In seinem aktuellen Film wendet sich Filmemacher Michael Moore nun dem großen schlechten ganzen zu. Setzten sich seine letzten Arbeiten noch mit den Defiziten des US-amerikanischen Gesundheitssystems auseinander ('Sicko'), den Abgründen von George W. Bush ('Fahrenheit 9/11') oder der Macht der Waffenlobby in den USA ('Bowling for Columbine'), so stellt seine neueste Dokumentation gleich das gesamte Wirtschaftssystem in Frage. In seiner typischen Art kombiniert er dabei biographische Anekdoten und hintersinnig-subversive Interviews mit sarkastischen Kommentaren, allgemeinen Betrachtungen und inszenierten Provokationen, um mit pseudo-objektiven Mitteln ein so subjektives wie kritisches Bild der allgemeinen Lage zu zeichnen. Anhand von ausgewählten Beispielen veranschaulicht er so die Auswirkungen des Kapitalismus und der globalen Finanzkrise auf den einfachen Normalbürger, wobei er die USA mit der Situation im alten Rom vergleicht, in der ebenfalls nur eine kleine Elite über Geld, Macht und Einfluss verfügte. So sieht man ihn beispielsweise wieder in seiner Heimatstadt Flint auf den Spuren des Niedergangs der Autoindustrie, er ist bei einer Zwangsräumung dabei, er schildert die finanziellen Nöte eines Flugkapitäns oder die Machenschaften von Unternehmen, die am Tod von Mitarbeitern durch heimlich abgeschlossene Versicherungen profitieren. Moore schält so immer mehr die andere Seite des amerikanischen Traums heraus, die nach seiner Lesart insbesondere die Banken, Wallstreet und hochrangige Politiker wie Ronald Reagan oder Intimfeind George W. Bush zu verantworten haben, während gegen Ende der neue US-Präsident Barack Obama zum Hoffnungsträger stilisiert wird...'Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte' ist ein äußerst zwiespältiger Film, da er mit den formalen Mitteln der Satire und des Gute-Laune-Kinos Inhalte verbreiten will, die alles andere als dazu angetan sind, die Stimmung zu heben. Michael Moores radikal emotionale, parteiische und witzige Polemik geht dabei kaum in die Tiefe und reduziert das kapitalistische Wirtschaftssystem auf bloße voluntaristische und moralistische Effekte, ohne sich um eine objektivere Strukturanalyse zu bemühen. So unterhaltsam und - paradoxerweise - kommerziell kann Kapitalismuskritik heute also sein, doch ob das nach dem Ende der Ideologien, dem langjährigen Scheitern antikapitalistischer Bewegungen und mit dem anhaltenden Fehlen glaubwürdiger Alternativen noch irgendeinen politischen Effekt haben wird, darf bezweifelt werden. Der Agit-Prop-Charakter des Films ist zwar auf der cinematographischen Höhe der Zeit, aber der intelligentere Teil der heutigen Generationen will sich schon lange nicht mehr auf diese manipulative Weise das eigene Denken abnehmen lassen - und sei es auch für die gute Sache oder einen gerechten Zweck.
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Netzware von Andreas Wittich